Mitteilungen der Islandfreunde - 01.07.1918, Page 11
Gespenst der Arbeitslosigkeit droht. Zur Abhilfe hat man sowohl von Seiten
des Staates, als auch der Stadt Reykjavik mit der Ausfiihrung von Notstands-
arbeiten begonnen, wie Wegebau, Grundaushebung fiir zukunftige Gebáude,
was den öffentlichen Finauzen eine scliwere I,ast auferlegt. Auch wird
Armenunterstútzung ungewöhnlich stark in Anspruch genommen, besonders
111 Reykjavik.
Die Bauernschaft leidet unter der Teuerung nur wenig, da sie sich zum
gröfiten Teil aus eigener Produktion ernáhrt und fúr die verkauften Erzeug-
aisse entsprechend höhere Preise erhált. Sehr trúbe sind dagegen die Aus-
sichten fúr den Fischerei treibenden Teil der Bevölkerung, besonders nach-
öem der Heringsfang 1917 úber alle Erwartungen schlecht ausgefallen ist
(nur 60000 FaB, im Jahre 1916 400000 FaB). Dazu kommt ein anderes
Freignis, das \ iele Fisclier und Arbeiter der Salzfischindustrie ihres Unter-
iialtes beraubt und gleichzeitig ein áuBerst merkwúrdiges Kapitel der Neu-
Ualitátspolitik darstellt. Infolge der unerhört hohen Preise von Kohle und Salz
hatten einige Trawler schon seit lángerer Zeit aufgelegt, und andere hatten
irn Faufe des Winters folgen mússen. Da kam von der französischen Regie-
rung ein Angebot, daB sie 10 islándisclie Trawler zu dem enormen Preise
Von je 500 000 Kr. kaufen wolle. Das widersprach jedoch einem vom Alting
wáhrend des Krieges angenommenen Gesetze, wonach islándische Schiffe
uicht an das Ausland verkauft werden durften. So kam es deun zu Verhand-
lungen zwischen der isláudischen Regierung und dem französischen Berufs-
konsul. Das Ende vom Liede war, daB das Alting den Verkauf der Schiffe
geuehmigte, doch muBte der gröBere Teil der Verkaufssumme bei der islán-
dischen Regierung bis nach FriedensschluB hinterlegt werden. Dies soll ge-
wáhrleisteu, daB das Geld dann zmn Ankauf neuer Trawler verwendet wird.
ladenKuhhandel war noch die Bedingung mit eingesclilossen, daB die franzö-
sische Regierung sich zur Lieferung von 6000 Tonnen Kohle und 4000 Tonnen
Salz zu einem vereinbarten Verkaufspreis verpflichtete. Der Verkauf kam
zustande am 29. September 1917.
Trotz der hohen Verkaufspreise erscheint es fraglich, ob damit den islán-
dischen Interessen gedient ist; denn bei den enormen Schiffsverlusten. die
der Krieg verursacht, werden alle Werften des Auslandes zuuáchst fúr ihre
Knapplieit an Debensmitteln sogleich nach FriedensschluB eine Hochkon-
junktur fúr Seeschiffe erwarten, die Island bei einem Bestande von 19
Trawlern an Stelle von 9 ganz anders hátte ausnútzen können.
Das Schlimmste aber ist, daB dieser Vertrag eine Neutralitátsverletzung
darstellt, da die Schiffe au die französische Regierung, nicht an Private ver-
kauft wurden, zu dem Zwecke, als annierte Trawler Verwenduug zu finden.
Ob die deutsche Regierung dagegen protestiert hat, weiB man liier nicht,
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