Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1920, Síða 10
Sobald man solche Eindeutschung aostrebt, auCert sich uotwendig das
landschaftliche — oder allgemeiner: das idiomatische — Sprachgefiihl des
Obersetzers. Und darum wird es keiner allen recht machen! Mag man immer
die bewuCtenHeimfarbeu verbannen, es bleibt einiges iibrig, was dem einen
gewohnt klingt, dem anderen gesuclit ;■ der sclilagende ’Gegenwert’ sahe liir
den einen so, fiir den anderen anders aus. Hine Saga mit ihrer rotbackigen
Eebeasfiille steilt andere Forderungen an die Stimmungsleiter, an die Ab-
schattung, leuchtet anders in die Urgrúnde des Sprachgefuhls hinab als
eine Uehrschrift oder ein rednerisches Schulstúck.
Die vieleu heim, heima der Saga hatt ich gern mit dem súddeutscheu
,heiin, daheim’ úbersetzt, aber als mir ein Marker sagte, das klinge ihm nach
einer Schwarzwalder Hútte, da tat ichs nur im Notfalle, denn so sennen-
traulicli darf die Saga nicht anmuten. Mich berúhren die Ubertragungen
norddeutscher Mitarbeiter hin und wieder búcherhaft. Es ist schwer zu
sagen, wieviel dies au dem persönlichen Idiom hiingt.
5. Davon abgesehen: ein Zwiespalt wird dem Sagaúbersetzer oft zu
schaffen machen. Diese Sprache soll uns gewohnt klingen, unauffallig, —-
aber offenbar ist es eine lándliclie, groCbáuerliche Spraclie, und wir sind
Stádter, Buchbildungsmenschen! Alles was an stádtischen Scliliff, an Scliul-
stube und Gedaukenblásse gemahnt, verdirbt in der Saga die Stimmung-
Wieweit man sich ins Báuerliche hineinwagen darf, ohne absonderlich oder
poetisch zu wirken, das will mit feineu Sinnen abgewogen sein. Eine Bauern-
sprache wie bei den Hauptmann oder Rosegger oder Thoma wáre nicht
am Platze. Die Sagasprache ist nicht in diesern Sinne ,volkstumlich’: sie
fángt nicht von obeu den Ton der niederen Kreise auf. Sie ist die laug-
geúbte, entwickelte Erzáhlkunst der guten Köpfe des Volkes. Sie hat ein
liolies MaB von Eleganz-----es gibt auch eine Eleganz des Eandmanus,
in Tracht, Benehtnen und Sprache! Der Sagaúbersetzer húte sich daher
vor Saftigkeiten iin Sinne des neuereu Bauernrealismus!
Dem nötigen lándlichen Gepráge schadeu Ausdrúcke von heute und
gestern; das Moderue riecht uns ja nach der Stadt, denn aus Zeitungsstuben,
Spielhallen und Kanzleien gelit es hervor. Ein leiser Duft von Altertiim-
lichkeit soll iiber der Sagasprache schweben, nur nicht mehr; wo das
Altertúmliche gesucht oder dichterisch anmutet, da widerstreitet es der
Gruudforderung: nach der Schlichtheit der lebenden Rede. Die Familien-
sagas, 200 Jahrenacli der Zeit ihrerllándel ausgestaltet undniedergeschrieben,
haben zwar stofflicli gealtertúmelt, nicht aber in ihrer Sprache. Dieslehrt uns
die Vergleichung mit islándisclieu Geschichteu aus júugerem Zeitramn.
Im Auge hatten wir hier die durchschnittliche, klassische Sagaspraclie.
Wo ,gelehrter Stil’ oder ritterliche Fárbung oder feierliche Rechtsfonnelu
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