Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 4

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 4
dem der Gesetzgebung und dem gesamten Zusammenleben der Islander das Ge- práge gegeben: dem Verháltnis von Vorgesetzten und Untergebenen, von Haus- herr und Gesinde, von Mánnern und Frauen, von Erwachsenen und Kindern. Diese Idee der gegenseitigen Achtung und Anerkennung zeigt sich auf Island in jeder Art von menschlichem Umgang untereinander und in dem ganzen Gehabe und Auftreten der Islánder. Niemand hat die Islánder mit tieferem Verstándnis geschildert als Professor Heusler, als er sagte, sie seien Aristo-Demokraten; nie- mand hat auch einen besseren Rat fiir die Behandlung der Islánder gegeben, als er: „Behandle jeden Islánder, und wenn er in Lumpen gekleidet sein sollte, wie einen gentleman; dabei wirst du gut fahren.“ Der Islánder ist ein im Grunde gutwilliger und vertráglicher Mensch, solange man anstándig mit ihm umgeht; in dem Augenblick aber, wo er auf plumpe Uberheblichkeit trifft oder seine Ehre und sein Selbstbewu Otsein angegriffen fiihlt, stellt er sich zur Wehr und tut dann zuweilen im Zorn Dinge, die er sonst als seiner unwurdig ablehnt. Das Herrengefuhl áuBert sich auch darin, daB seine Tráger keinerlei Zwang von anderen dulden, sondern alles aus eigener freier Machtvollkommenheit tun wollen. Eiir eine solche Selbstregierung gibt es nur einen Wegweiser, dem man folgen kann, ohne sich zu erniedrigen: das ist die Vernunft, und die haben die Islánder zu wúrdigen gewuBt! Vernunft und Verstand erfordern ein folgerichtiges Denken und Einsehen, dem alle vernunftbegabten Menschen sich beugen mús- sen. Damit wáre dann eine gemeinsame Grundlage gewonnen, von der aus allo Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten entschieden werden könnten — wenn die Menschen vollkommen wáren! Das sind die Islánder ebensowenig wie andere Sterbliche gewesen, aber es hat immer in der Richtung ihres Wesens ge- legen, sich nur einem von ihnen selbst anerkannten Gesetz oder nur einer als zwingend empfundenen Beweisfúhrung zu unterwerfen. Aber in dem Wesen einer Aristo-Demokratie verbirgt sich eine Spannung, die nur schwer zumeisternist. Da, woalle in gleicherWeise behandelt werden, kommt das Herrentum, soweit es sich in dem Bedúrfnis besonderer Hervorhebung und Anerkennung ausdrúckt, nicht zu seinem Recht. Jede Gleichmacherei verneint klar hervortretende Unterschiede im Wesen und in der Leistung der einzelnen Menschen. Sie wirkt so der gerechten Anerkennung der Úberlegenheit entgegen, und in der Tat sind die Islánder vielfach nicht besonders geneigt gewesen, die Uberlegenheit irgendwelcher Volksgenossen ohne weiteres anzuerkennen; man kann sogar oft beobachten, daB irgend jemand einen andern, dem er weit unter- legen ist, herabzusetzen versucht. Das Herrengefúhl erzeugt auch leicht Neid gegenúber denen, die gröBere Anerkennung genieBen oder die sonst irgendwie bessergestellt sind; es ist schon etwas Wahres daran, wenn Þorvaldur Thoroddsen 96

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