Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Síða 6
Islandromantik
Von Reinhard Prinz
In der allgemeinen Vorstellungswelt des iibrigen Europa hat Island, soweit man
mit diesem Namen uberhaupt irgendeine Vorstellung zu verbinden vermochte,
von jeher eine eigene Rolle gespielt. In der Geschichte der Islandkunde spiegelt
sich, angefangen von der Besiedelung der Insel bis in unsere Zeit, in höchst merk-
wúrdiger Weise die geistige Lage und Blickrichtung im tibrigen Europa. Dabei
stehen zu fast allen Zeiten in der volkstúmlichen Meinung der anderen Völker
Wissen und Glauben in bezug auf Island in einem mehr oder weniger grofien
Mifiverhaltnis. Es gibt kaum etwas Wunderbares und kaum etwas Abstofiendes,
was man nicht an Island bemerkt — oder was man ihm nicht angedichtet hatte.
Auch heute gibt es viele Menschen, die von Island schwarmen, und ebenso viele
andere, die auf Island schimpfen — und es gibt viele, die beides zugleich tun.
Die einen wie die anderen gehen zumeist an der Wirklichkeit vorbei, wenig be-
mitleidenswerte Opfer ihrer zerstörten eigensúchtigen Wunschbilder oder jener
Geschaftemacher, die aus jeder Art von geistiger Verwirrung ihr Schaflein ins
Trockene bringen.
Die Schwarmer schwarmen in leichtem Sprung úber ein Jahrtausend hinweg
von einem Gegenwartsisland des germanischen Bauerntums und der unzerstörten
Urwtichsigkeit. Sie flúchten ihre romantischen Sehnsúchte und ihre heimliche
Schwache, der maschinensurrenden Gegenwart in ihr unbarmherziges Auge zu
sehen, auf jene fernste Insel der germanischen Welt; sie vermögen sich nicht vor-
zustellen, dafi auch dieses kleine germanische Volk am Rande des Eismeeres
schon erreicht sein könne von dem aufwúhlenden und verwandelnden Schritt des
Jahrhunderts. Oder sie wiegen sich in dem Irrtum, dafi ein Volk eine ganze Stufe
oder den grofien Gefahrenpunkt einer jeden neuen Entwicklung einfach tiber-
springen könne. Aus diesen selben Schwármern werden nach einer mehr oder we-
niger mifiglúckten Sommerreise sehr oft die anderen, die da schimpfen und an
dem vorher so verlockend gewesenen Lande kein gutes Haar mehr lassen. Sie er-
eifern sieh voll Entrústung und Enttáuschung darúber, dafi es ja auch auf Island
schon eine Stadt mit vielen háfilichen Háusern und schlechtep Strafien gebe, mit
einer Unmenge von Motorfahrzeugen, von úbermáfiig geschminkten Frauen und
ausgebleichten Tanzjúnglingen, mit Kinos voll súfilicher Filmromantik, Jazz-
musik, Láden voll Kitsch, teuren Hotels und gescháftstúchtigen Fremdenftih-
rern, mit politischen Parteien, Strafienschlachten, bolschewistischer Propaganda
und allen anderen Errungenschaften der Neuzeit und Ausgeburten moderner Un-
kultur. In der einsamsten Landschaft sind sie tiberfallen worden von dem Ge-
brumm und Gestank eines rumpelnden Kraftwagens, auf dem entferntesten Ilof
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