Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 7
liat sie durch Fernsprecher und Rundfunk das Getriebe der groBen Welt er-
reicht, vor dem sie in diesem Lande unter dem Polarkreis endlich einmal glaub-
ten geborgen zu sein. Auf einem anderen Bauernhof haben sie in Treibhausern
Tomaten und Nelken pfliicken können und haben den islandischen Bauern statt
mit Sense und Pferd mit Mahmaschine und Trecker oder auch mit selbstverstand-
lichem Geschick an dem Elektromotor seiner eigenen kleinen Kraftstation han-
tieren sehen. Und dieser Bauer ist noch stolz gewesen darauf, daB er schon so
viele Maschinen hatte und daB er so gut damit umzugehen verstand! Und das
alles in dem Lande der Edda und der Saga! — Dazu ein Wetter, daB von der
Landschaft die kostbaren drei oder vierzehn Ferientage lang kaum etwas zu sehen
gewesen ist!
Das also ist Island, das sagenumwobene, dessen Name allein schon wie ein
Zauberwort wirkte!
Und was sagen die Islánder dazu ? In einem sind sie alle einig: sie sind stolz
darauf, daB sie sich mit der wirtschaftlichen und politischen Befreiung ihres Lan-
des so schnell in das Zeitalter der Technik haben einschalten können. Sie sind
stolz darauf, daB sie Lebens- und Arbeitsformen der tibrigen Welt, die ihnen noch
bis zur Jahrhundertwende gánzlich fremd waren, innerhalb eines Lebensalters
aus eigener Kraft haben entwickeln können: die Stadt mit allen Möglichkeiten
kultureller und wirtschaftlicher Lebenserweiterung, den Einsatz der Maschine,
die in einem rauhen Lande mit verstreuter Siedlung und gröBten Verkehrs-
schwierigkeiten eine weit gröBere Lebenshilfe bedeutet als in giinstiger gelegenen
Erdstrichen; den industriellen GroBbetrieb in der Fischerei, der iiberhaupt erst
eine Auswertung des in den islándischen Gewássern enthaltenen Fischreichtums
ermöglicht; und so weiter nach vielen Jahrhunderten schwerster Lebensnot in-
folge wirtschaftlicher Bedriickung und verheerender Naturkatastrophen die end-
lich möglich gewordene selbstherrliche Ausniitzung aller heimischen Erwerbs-
quellen mit den Mitteln der modernen Technik. Ungeheuer ist die Leistung, die
dieses Volk von 100000 Menschen in knapp drei Jahrzehnten mit der wirtschaft-
lichen und verkehrstechnischen ErschlieBung der groBen unwegsamen und un-
wirtlichen Insel und mit der unverháltnismáBig schnellen Besserung der allge-
meinen Lebensverháltnisse geschaffen hat. Und dann kommt der Auslánder und
erbost sich dariiber, dieses Volk statt im Beharrungszustand eines groBen ger-
manischen Altertumsmuseums im Vollgefiihl des Aufschwungs und der Verwand-
lung und im Kampf um eine zeitgemáBe Lebensgestaltung zu finden. Der Is-
lánder seinerseits weidet oder árgert sich an diesen Enttáuschten und verbittet
sich immer vernehmlicher das Ansinnen, einigen Altertumsfreunden, Sommer-
reisenden und sensationsliisternen Zeitungsschreibern zuliebe in der Konserven-
dose mittelalterlicher Zustánde weiterzuleben. So entstehen die kleinen und die
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