Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Blaðsíða 8
groBen MiBverstándnisse und gegenseitigen Abneigungen, und zwar oft mit dem
schlimmen Ergebnis, daB der Auslánder iiber all seinen Enttáuschungen — und
weil ihm die groBe nationale Kulturschöpfung der Islánder in Geschichte und
Gegenwart, ihre einzigartige Sprachkultur, verschlossen bleibt — gar keinen Zu-
gang mehr findet zu den iiberzeitlichen Kráften des Islándertums, die allein auch
erst eine Kráfteentfaltung wie die gegenwártige erklárlich machen; und daB auf
der anderen Seite der Islánder sich forttreiben láBt bis zur Verleugnung seiner
eigenen Art und gar nicht mehr sieht, daB die moderne Technik da, wo sie nicht
ihr Gegengewicht und ihre Meisterung in den bluthaften und seelischen Kráften
eines Volkes findet, aus einer Lebenshilfe zur Zerstörerin der gesamten Lebens-
substanz eines Volkes werden kann.
In keinem europáischen Land ist der Entwicklungssturz des Maschinenzeit-
alters so stark gewesen wie auf Island. Seiner natiirlichen und geschichtliclien
Lage entsprechend war Island bis um die Jahrhundertwende ein im höchsten
Grade kulturschöpferisches, aber ganz in den mittelalterlichen Lebens- und Wirt-
schaftsformen verharrendes Bauern- und Fischervolk. Der dann einsetzende Ent-
wicklungssturz zeigt sich in einer einzigen entscheidenden Zahl: der Anteil der
lándlichen, báuerlichen Bevölkerung an der Gesamtvolkszahl hat sich von 95%
im Jahre 1880 verringert auf 40% im Jahre 1935. Von den rund 60% der in die
neuerstandenenBerufs- und Erwerbszweige der Seeleute, Industriearbeiter, Kauf-
leute, Handwerker, Ingenieure, Lehrer, Kiinstler, Beamte und Angestellte auf-
gegliederten und in Stádten, Fischerei- und Handelsplátzen lebenden Bevölke-
rung wohnen heute allein in der Hauptstadt Reykjavik mehr als 30%, námlich
von den 110000 Menschen des ganzen Volkes 35000. Eine schnellere und weiter-
gehende Umgestaltung des ganzen Volkskörpers ist wohl nicht denkbar. Hier hat
sich in 30 Jahren mehr gewandelt als in 1000 Jahren vorher. Zum erstenmal tritt
in diesem Jahrzehnt auf Island eine stádtische Generation in das Erwachsenen-
alter. Zum erstenmal ist heute auf Grund der neuen Lebensbedingungen aus die-
sem alten und eben wegen seiner geistigen Kultur beriihmten Kulturvolk ein Be-
rufsstand nicht nur von Dichtern und Schriftstellern, sondern auch von Malern,
Bildhauern und Musikern herausgewachsen. Die ganze geistige und technische
Entwicklung des 19. Jahrhunderts und des ersten Drittels vom 20. Jahrhundert
haben die Islánder in einem einzigen Lebensalter durchlaufen. DaB sie dabei auch
mit hereingerissen wurden in die allgemeine europáische Kulturkrisis, ist wohl
am allerverstándlichsten bei einem Volk, das einer so gewaltigen Aufgabe unver-
háltnismáBig geringere Kráfte entgegenzustellen hatte als jede andere euro-
páische Nation. Es ist bedauerlich und bei manchen Erscheinungcn geradezu
schmerzlich, daB auch das islándische Volk im Zuge seines wirtschaftlichen und
technischen Aufschwunges mithineingetrieben ist in den Strudel der Instinkt-
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