Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Page 9
verwirrung und der Talmikultur, der dem Europa der Jalirkundertwende das Ge-
práge gibt. Aber es ist unbillig und kurzsichtig, wenn der hier mit Steinen wirft,
der selber im Glashaus sitzt oder doch gesessen hat. Die Umwálzung der Moderni-
sierung ist auf Island noch im vollen Gange, und die geistige Krisis mit den
schlimmsten Begleiterscheinungen sozialer Spannungen, politischer Zerrissenheit
und sittlicher Verwirrung scheint ihren Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben.
Doch sind die gesunden Gegenkráfte schon in Bewegung geraten. Es kann sich
bei der Uberwindung solcher Krisen nie handeln um eine romantische Wieder-
erweckung unzeitgemáB gewordener Inhalte und Eormen, sondern nur um eine
echte Gestaltung der zeitlichen Lebensform aus den ewigen Kráften des Volkes.
Um seiner ewigen Kráfte willen haben wir das islándische Volk geachtet und ge-
liebt, in den echten Gestaltungen dieser Kráfte, die vor dem unbestechlichen Ur-
teil der Geschichte bestehen, spiiren wir Verwandtes. Es muB möglich sein, die
alten Gestaltungen dieser Lebenskráfte: das Bauerntum und die alte, bis in die
Gegenwart hinein fruchtbare nationale Sprachkultur weiterzuentwickeln und
zugleich zu ergánzen und zu bereichern durch neue Wirkungsformen und
Werke, wie sie aus den Lebensformen und Hilfsmitteln der neuen Zeit sich
ergeben.
So sehr das islándische Volk in diesen Jahren um seine neue, im Sinne des
20. Jahrhunderts wirklich moderne Lebensform zu ringen hat, so wenig ver-
mögen wir zu glauben, daB es seine alte Sendung und die einzige Möglichkeit
seiner nationalen Geltung in der germanischen Welt: Tráger und Heger wertvoll-
sten germanischen Erbes zu sein, jemals ganz aufgeben wird. Dazu redet seine
eigene Geschichte, seine Verpflichtung gegeniiber seinem glánzenden Erbe und
seiner neuerwachten Daseinskraft, dazu reden seine blauen Berge und seine ewi-
gen Gletscher eine allzu máchtige Sprache.
Die Einsicht und das Vertrauen in diese wirklichen Lebensmáchte ist wirklich-
keitsgerechter als aller kurzsichtige Tadel und alle wirklichkeitsfremde Schwár-
merei.
Kultur und Technik im modernen Island
Von Matthias Jónasson
Viele Mitteleuropáer sehen die Saga-Insel Island noch durch den Schleier roman-
tischer Sehnsucht. Besucht man aber dies angeblich idyllische Land, so wird man
von den Annehmlichkeiten der Technik iiberrascht. Das ist sicher fiir die meisten
Reisenden in Island eine gliickliche Úberraschung, iiber die sie nicht weiter nach-
denken. Denn wer in einem zivilisierten Staate mit den modernen Verkehrsmit-
teln aufgewachsen ist, der sieht darin nichts Wunderliches, daB am Landgang
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