Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 10
Autos auf die Eeisenden warten, daC man fiir langere Reisen falirplanmáBige
Autos benutzt, daC man mit bequemen Wagen kreuz und quer durch die Glet-
scherinsel fahren kann. Schlanke Stahlbrucken verbinden die Ufer der reiCenden
Gletscherflússe, und zu Vergnúgungsfahrten stehen kleine Motorboote zur Ver-
fúgung. Und ist die AutostraCe doch an einer Stelle weggespúlt worden, so gibt
das einer Islandfahrt nur das erwartete abenteuerliche Gepráge.
Stellt man aber die Frage: Wie verhált sich die Technik in Island zu der úber-
kommenen völkischen Kultur, so rúhrt man damit an wesentlichere Dinge. Hat
die islándische Kultur Lebens- und Schöpferkraftgenug, um die moderne Technik
mit all ihren Folgen in sich aufzunehmen und sich dienstbar zu machen ? Oder
wird sie dem Einbruch der Technik nicht standhalten, sondern von ihrer Zivilisa-
tion úberwuchert werden, bis das islándische Volk, seines geistigen Haltes be-
raubt, unter den Krisen der Gegenwart zusammenbricht ? Das sind Fragen, die
jeden tieferdenkenden Freund des islándischen Volkes, aber zuvörderst seine
eigenen Söhne bescháftigen mtissen.
In Island begann die Technik ihren Triumphzug erst nach der Jahrhundert-
wende, — in einer Zeit der glúhenden Vaterlandsliebe und des begeisterten
Kampfes fúr die nationale Selbstándigkeit. Der von der Technik begúnstigte
wirtschaftliche Aufstieg der europáischen Völker galt dem Islánder als ein leuch-
tendes Vorbild. Das wirtschaftliche Joch der dánischen Herrschaft war vor eini-
gen Jahrzehnten abgeschúttelt worden, aber der Kampf um die volle politische
Selbstándigkeit dauerte noch an. Siegesbewufit und tatendurstig beeilten sich die
Islánder, die Technik in den Dienst ihrer Unternehmungen zu stellen. Man
glaubte allgemein an eine grofie wirtschaftliche Zukunft des Volkes, und mali-
nend erklang die Stimme der Dichter von den verlorenen Goldschátzen, welche
die unbezwungenen Wasserfálle táglich ins Meer schleudern. Die Technik nimmt
jedes tatenfrohe Gemút gefangen!
Welche Zustánde fand sie nun in diesem Neulande vor ? Fischerei ist neben
spárlicher Landwirtschaft Islands Haupterwerbszweig. Jáhrlich náhern sich die
Fische in unermefilichen Schwármen den Kústen, schwimmen in die Fjorde hin-
ein, um dort monatelang zu verweilen. Jeder Bauer, der an der Kúste wohnt und
es nur irgendwie ermöglichen kann, fischt dann mit eigenem Boot oder in Ge-
meinschaft mit einem Bootsbesitzer. Segelschiffe wimmeln um die Kústen herum,
jedes mit einer kleinen tapferen Besatzung emsiger Fischer. Sowohl auf dem
Bauernhof wie auch im Fischerdorfe bedarf es vieler fleifiiger Hánde, die Fische
zu sáubern, zu trocknen, zu verpacken und zu verfrachten. Arbeitslos ist hier nur
der Faulenzer. Im Winter ziehen sich die Fischschwárme in die schwer zu er-
reichenden Tiefen des Ozeans zurúck. Dann kommt fúr Bauern und Fischer die
Zeit der Ruhe und Besinnung. Man empfindet diese Arbeitslosigkeit nicht als
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