Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 12

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 12
der auf 14 Tage die Fischerei unterbricht und auf diese Weise die Fischschwárme ■in die Fjorde nötigt. — Die wachsenden Erwerbsmöglichkeiten in der Grofi- fischerei entzogen auBerdem dem Bauer seine Arbeiter. Die Landbevölkerung strömte unaufhörlich in die Stádte, wo jeder eine gut bezahlte Arbeit finden konnte. Hier in der Stadt zeigen sich nun vollends die veránderten Umstánde. Die na- tiirhche Bedeutung der Jahreszeiten verliert sich: die Maschine arbeitet unab- hángig von Wind und Wetter. Das lebhafte Treiben wird nicht mehr durch die natiirliche Ruhepause des Winters unterbrochen. Durch lange Abwesenheit des Yaters, ja háufig auch der berufstátigen Mutter, verarmt das Familienleben, und die Eltern sind der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr gewachsen. Die Bestim- mung der Schulgesetzgebung, daB jedes Kind bis zum vollendeten 10. Lebens- jahre in der Famihe unterrichtet werden soll, wird durch zur Itegel werdende Ausnahmefálle praktisch unwirksam gemacht: allgemein schickt man bereits die 7jáhrigen in die Schule! So fiihlt sich die Familie nicht mehr in erster Linie verantwortlich fiir die Er- ziehung der Jugend. Indem ihr erzieherischer EinfluB auf diese Weise abge- schwácht wird, ist auch die Verbundenheit des Kindes mit der Familie wesent- lich bedroht, ohne daB die Schule fáhig wáre, das Verlorene voll zu ersetzen. So entsteht zwischen Elternhaus und Schule eine Spannung, die auch bei anderen Völkern die Erfolge der Erziehung gefáhrdet hat. Die Stadtjugend — das Familienleben entbehrend, der kiinstlich-methodi- schen Erziehung der Schule anvertraut — wurzelt nicht so stark in der völkisch- kulturellen Wirklichkeit wie die Landjugend. Die Erziehungsmacht der alten Volksromane hat kaum noch EinfluB auf diese stádtische Jugend. Die erhabene Ruhe der schicksalsnahen Erzáhlung erscheint dem jugendlichen Stádter zu lang- sam jmd lebensfern. Die meisten Stadtfamilien haben ja zum Vorlesen weder Zeit noch Interesse. Die Technik dagegen hat ftir eine zeitgemáfie Unterhaltung der Jugend wie der Erwachsenen gesorgt: Zeitungen, Moderomane, Kinos und Radio verdrángen allmáhlich die volkhaften Bildungsgúter. Sie allein besitzen das Tempo der Technik und eine dem wirtschaftlichen Kampf angemessene Span- nung. Die Erziehung richtet sich immer mehr auf Berufsbildung aus, die Er- holung wird gleichbedeutend mit Belustigung. Die Stadtjugend ftihlt sich in ih- rem Leben und Treiben nicht mehr als ein Volk, nicht mehr als ein zusammen- gehöriges Ganzes. Nicht allein durch die berufsbedingte Abwesenheit der Eltern vom Heim lok- kert sich die natúrliche Bindung der Familie. Hinzu kommt die Erschútterung der Besitzverháltnisse in den Stádten. Hier hat die Technik in einer úbermútigen Laune ein groteskes Zerrbild von reich und arm gezeichnet. Frúher hatte jeder 104

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