Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 13
grundsátzlich die Möglichkeit, zu einem, wenn auch sehr kleinen Besitz zu ge-
langen. Wer einen Hof, ein Boot, eine Werkstatt oder ein Wohnhaus besaB, hatte
damit schon eine Grundbedingung glucklichen Familienlebens erreicht. Das
Eigentum gab der Familie einen dauernden Gehalt, der Generationen verband
und dem einzelnen zugleich ein tieferes persönliches Gepráge verlieh. Die Folgen
der Technik in der islándischen Wirtschaft waren zunáchst die Vernichtung des
produktiv wirksamen Kleinbesitzes, der neben den groB angelegten Unterneh-
mungen bedeutungslos erschien. Menschen, die friiher ihren Beruf auf eigenem
Besitz gegriindet hatten, wurden jetzt Tagelöhner bei Firmen, von deren Be-
sitzern sie kaum den Namen wuBten. Allmáhlich streckte die Geldmacht ihre
gierigen Finger auch in die Wohnverháltnisse hinein. Die kleinen Wohnháuser
wurden bei náchstpassender Gelegenheit aufgekauft, abgebrochen, und groBe
Mietsháuser traten an ihre Stelle. So verarmt immer mehr die Umgebung der
Familie und wird des persönlichen Charakters beraubt.
Es konnte nicht ausbleiben, daB diese Verschiebung der sozialen Verháltnisse
eine verhángnisvolle Auflösung im Volke zur Folge hatte. Ein scharfes Standes-
und KlassenbewuBtsein erwachte. Nachdem die politische Selbstándigkeit er-
reicht war, hatten Vaterlandsliebe und VollcsbewuBtsein ihren unmittelbaren An-
sporn verloren. Jetzt miissen sie dem erwachenden KlassenbewuBtsein allmáh-
lich weichen. Friiher stand das islándische Volk einmiitig einer fremden Macht
gegeniiber, deren Herrschaft es abschiitteln wollte. Jetzt, nach vollendetem Sieg,
steht es zersplittert einem inneren Feinde gegeniiber. Dies kleine Volk von rund
100000 Menschen, das sich das schier unerreichbare Ziel gesetzt hatte, seine poli-
tische und kulturelle Selbstándigkeit zu behaupten, ist jetzt in sechs Parteien
zersplittert! Es besteht die Gefahr, daB der junge Islánder sich in erster Linie als
Parteiangehöriger, nicht als Volksgenosse fiihlt.
Begiinstigt wird diese Entwicklung durch den individualistischen Freiheits-
sinn, der dem Islánder wesenhaft ist. Von dieser Neigung geleitet verlieBen vor
1000 Jahren die norwegischen Háuptlinge ihr Vaterland und suchten in Island
neue Heimat. All die Leiden, die seitdem iiber das Volk ergangen sind, haben es
nicht vermocht, dies Streben des einzelnen nach voller Unabhángigkeit und Selb-
stándigkeit zu brechen. Die Glanzpunkte der islándischen Geschichte sind da-
durch gekennzeichnet, daB der individualistische Freiheitssinn die Souveránitát
der völkischen Ganzheit achtet, ohne von ihr gebrochen zu werden. Die Einsam-
keit und Abgeschlossenheit der islándischen Bauernhöfe náhrt die Neigung zum
Individuellen und Besonderen. Eine starke Ausprágung des Individuellen im
Charakter der Persönlichkeit erscheint denn aucli unentbehrlich, angesichts der
schweren Verantwortung, die der einzelne fiir die Erhaltung und Bereicherung
der völkischen Kultur trágt. Denn das darf der Angehörige eines Millionenvolkes
J05