Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 16
zum ErlaB der konstitutionellen Verfassung 1874 noch weitgehend einer Stagna-
tion gleicht. Beide Jahreszahlen bedeuten jedoch wichtige Meilensteine in der
Entwicklung der nationalen Aufbaubestrebungen, obwohl die Bedeutung der an
sie gekniipften Ereignisse erst allmahlich in ihrer Auswirkung in vollem Umfange
in Erscheinung tritt, da es sich in den genannten Eallen um die Fundierung der
Grundlagen handelt, die unerlaBlich waren, um diesen Wiederaufbau iiberhaupt
mit Erfolg in Angriff nehmen zu können. Nachdem diese Grundlagen ausgebaut
und erweitert worden waren und die Verlegung des verantwortlichenMinisteriums
Islands nach dem Lande selbst stattgefunden hatte (1904), war endlich der Weg
frei zu einem spontanen Vorwartsschreiten der Entwicklung, die so lange Zeit in
riicklaufige Bahnen gezwungen worden war. Die folgende Zeit (also nach 1900),
die im Zeichen einer auBerordentlich stiirmischenEntfaltung des ganzen is-
landischen Volkslebens steht, zeigt auch deutlich, daB sich hier, trotz jahrhun-
dertelanger schmerzlicher Unterjochung, noch sehr lebensfáhige Kráfte riihrten,
und daB das kleine Volk, das einst mit einer historisch bedeutsamen Entschei-
dung aus eigener Kraft heraus die Fáden seines Geschickes von dem iibrigen Nor-
den getrennt hatte, die ihm gegebenen Lebensaufgaben im Kreis der Nationen
von sich aus zu lösen mit gutem Kecht fordern konnte.
Diese Entwicklung schlieBt sich, insofern sie in neue Stadien iibertritt und neue
Formen annimmt, auf wirtschaftlichem Gebiet besonders eng an zwei Vor-
gánge an, die ihrerseits gegenseitig bedingt sindund letztenEndes in politischen
Gegebenheiten wurzeln: 1. an die Emanzipation des Handels durch ein-
heimische Kaufleute und genossenschaftlich organisierte Zusammenschlusse der
Bauernschaft, und 2. an die Erkámpfung der eigenen Finanzverwaltung
sowie die Errichtung von Geld- und Kreditinstituten. Der Monopolcha-
rakter des Handels, der groBe Mangel an Betriebskapital und das Fehlen von
Geld und Kredit sind bis in die siebziger Jahre diejenigen Faktoren, die dem
wirtschaftlichen Ablauf ihren Stempel aufdrucken. Doch treten sie allmáhlich
in milderen Formen auf, so daB die auf natiirlichen Voraussetzungen beruhenden,
seit langer Zeit sich geltend machenden unterschiedlichen Entwicklungsrich-
tungen der zwei Haupternáhrungszweige des Landes: der Landwirtschaft und der
Fischerei, noch deutlicher hervortreten. Nachdem die genannten Schrauben ganz
wegfielen und freier Ablauf der Dinge angebahnt wurde, muBte sich nattirlich
das Kráfteverháltnis dieser Wirtschaftszweige noch sehr viel weiter verschie-
ben, und zwar immer zugunsten der Fischerei. Deren Entwicklung war dabei noch
durch áuBere, nicht allein in ihr selbst begrúndete Momente vom Schicksal be-
gtinstigt, námlich durch die Kreditverháltnisse. Die wáhrend der ersten Hálfte
dieses Zeitabschnittes andauernde Depression der Wirtschaft ist nicht in der-
selbenWeise durch die Mitwirkung auBerwirtschaftlicher Kr isenmomente
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