Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 20
Hier wurde durch natiirliche Entwicklung schnell das erreicht, was man durch
kunstgerechte MaBnahmen von seiten der Obrigkeit zu forcieren bestrebt ge-
wesen war. Nach der Aufhebung oder Auflockerung des Handelsmonopols im
Jahre 1787 wollte der König im Geiste der aufgeklárten Monarchie nicht nur den
alten herkömmlichen Wirtschaftszweigen Islands zu Kráften verhelfen, sondern
auch die wirtschafthche Entwicklung des Landes in völlig neue Bahnen iiberleiten
und eine Industrie schaffen. Dazu sollten 6 Stádte errichtet werden, wie auch
Jon Eiriksson im Zusammenhang mit Fragen des Handels in seiner Arbeit iiber
das beste Handelssystem fiir Island die Errichtung von Stádten empfohlen hatte.
Denjenigen, die sich in diesen Stádten ansássig machen wollten, wurden ver-
schiedene Privilegien und Vergiinstigungen, u. a. freie Grundstiicke, in Aussicht
gestellt, selbst auslándischen Gewerbetreibenden, die nach Island úbersiedeln
wollten, wurde finanzielle Unterstútzung zugesichert. Trotzdem haben diese Be-
strebungen keine Frúchte getragen, selbst fúr ein selbstándiges Handwerksge-
werbe war unter den gegebenen Siedlungsverháltnissen kein Platz. Die Stádte
wurden wieder niedergelegt (1836) bis auf Reykjavik, das um 1800 herum als
weitaus gröBter Hafenplatz des Landes etwa 300 Einwohner záhlte. Dieser Hafen-
platz, die auf göttliches GeheiB erwáhlte historische Wohnstátte des ersten An-
siedlers des Landes, war durch seine Lage fiir die Hauptstadt der Insel wie ge-
schaffen. Mit der Úberfúhrung des Allthings von Thingvellir nach Reykjavik
und der Wiedererrichtung des Beamtenstandes hier wurde dieser Ort von selbst
zur Hauptstadt des Landes. Auch war dieser Stadt durch ihre geographische
Lage die Stellung als Wirtschaftszentrum Islands von vornherein gesichert. An
einem verháltnismáBig guten natúrlichen Hafen an der súdwestlichen Ecke der
Insel gelegen, verfúgte es úber ein ausgedehntes landwirtschaftliches Hinterland,
das seinerseits infolge seiner Beschaffenheit damals wie heute eines der dichtest-
bevölkerten Gebiete des Landes darstellte. Bereits im Jahre 1800 war Reykjavik
mit rund 10 Kaufleuten, von denen nur einer in der Stadt ansássig war, der weit-
aus gröBte Handelsort der Insel. Mit der Errichtung der ersten Bank in Reykja-
vik wurde der Stadt ihre zentrale Wirtsehaftsstellung noch weiterhin gesichert,
wie auch beim Aufbltihen der Hochseefischerei am Ausgang des vorigen Jahr-
hunderts sowohl in bezug auf die Fanggrúnde als auch hinsichtlich der Verbin-
dung mit dem Auslande hier der natúrliche Standort fiir die nunmehr aufkom-
menden GroBbetriebe in der Fischerei war.
Erst mit dem Aufkommen der Hochseefischerei war die Grundlage fúr
eine Stádtebildung auf Island geschaffen, die sodann Platz fúr eine beruf-
liche Spezialisierungund volkswirtschaftliche Arbeitsteilungdarbot.
Es kann hier von einer Stádtebildung erst seit dem Ausgange des vorigen Jahr-
hunderts gesprochen werden. Bis dahin lebte beinahe die ganze Bevölkerung m
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