Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 25
wáre, wenn das Wetter mitten im Erntebeginn schlecht wiirde. Dann hatten wir
nichts mehr iiber diese Sache zu sagen, redeten aber doch táglich immer wieder
davon.
Wir waren, kurz gesagt, in triiber Stimmung und hatten an allem etwas auszu-
setzen.
Bis das Heuwetter kam.
Eines Vormittags begann der Nebel sich zu lichten. Erst bildete sich im Osten
ein kreisrundes Loch, und dahinter war ein Stiick herrlich-blauen Himmels zu
sehen. Dann entstand ein anderes Loch, und darin sah man die Sonne.
Wir wufiten, wie man dies nennt. Und dann sagten wir zueinander:
,,Das ist nur eine dagmálaglenna1. “
Der Nebel begann diinner zu werden und an der Bergkette uns gegeniiber ent-
lang zu treiben. Dann ballte er sich, wie frischgezupfte Wolle, weit drauBen in
einer tiefen Scharte zusammen. Die Berge standen zu beiden Seiten der Scharte,
márchenblau und verheiBend und achteten des Nebels kaum. Und iiber uns war
nichts als Sonnenschein und strahlend blauer Himmel — als wir den Kopf aus
der Ladentiir steckten.
Jenseits des Fjordes waren, von uns aus gesehen, die Leute wie winzige Weg-
steine — nur daB diese Wegsteine alle in Bewegung waren. Sie schoben sich einer
hinter dem anderen in einer langen Reihe iiber die Wiese. Mir schien es, als ob ich
Heugeruch spiirte. Und ich glaubte auch das Lachen der Mádchen jenseits des
Fjordes — besonders das von einem unter ihnen — zu hören. Ich hátte viel dafiir
gegeben, hinúberzukommen, um das Heu mit ihr wenden zu können.
Ich will nicht weiter davon reden. Ich will hier keine Liebesgeschichte erzáhlen,
wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne.
Das Heuwetter hielt an. Wir Ladenbediente wechselten einander ab, um so viel
wie möglich drauBen zu sein, um „von des Himmels sonnenpráchtigem Brunnen
zu trinken“2. Am Nachmittag des dritten Schönwettertages sah ich auf meinem
Spaziergang schnell einmal zum Arzt hinein. Ich war etwas miide geworden von
dem vielen Gehen und der Faulenzerei und freute mich darauf, auf demfederwei-
chen Liegesofa zu sitzen und dem Arzte zuzuhören.
„Zigarre V‘ fragte der Doktor.
„ Ja gern“, sagte ich, „heute habe ich nur sechs Zigarren geraucht.“
„Bier oder Whisky“, fragte der Doktor.
„Ein klein wenig Whisky“, sagte ich.
Ich ziindete die Zigarre an, fiihrte das brennende Ende unter die Nase und lieB
den Rauch hinaufsteigen, steckte dann die Zigarre in den Mund, saugte an ihr
1 Dagmálaglenna, ein leichtes Aufklaren am Vormittag, das fiir den Nachmittag meistens
Regen zur Folge hat. 1 Ein islandisches Zitat.
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