Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Síða 34
bekommt. Einer hilft im Troibhaus, in dem jetzt jeden Tag sehöne reife Tomaten und alle
mögliohen Blumen geerntet werden. In dem groBen Gemiisegarten, dessen Boden durch HeiB-
wasserrinnen erwármt wird, miissen noch Kohlrabi und Wurzeln gezogen und Blumenkohl-
köpfe abgenommen werden, die am náchsten Tage mit dem Motorboot nach dem drei Stun-
den entfernten Kiistenort sollen. Wáhrend der Arbeit erfahren wir Stiick fiir Stiick die Ge-
schichte der jetzt zwei Jahre alten Siedlung. Mitten in der Dunkelheit und den schweren
Stiirmen des islándischen Winters — im Febraur — ist die kleine deutsche Eamilie hier auf
der damals noch ganz einsamen Halbinsel angekommen. Die einzige Behausung fiir fiinf
Menschen und eine Kuh war eine alte Holzhiitte. In miihseliger und záher Arbeit sind dann
in den zwei Jahren ein festes Wohnhaus aus ZementguB, das Treibhaus und der Garten ent-
standen. Man kann schon kleinlaut werden vor dieser Tapferkeit und Záhigkeit im Ringen
um ein eigenes Stiick Erde. Und dabei merken wir am Abend, als wir in der Kiiche um den
groBen Tisch herumsitzen, von Deutschland erzáhlen und deutsche Lieder singen, daB diese
Menschen im Grunde mit allen Easern an ihrer deutschen Heimat hángen. Da denken wir an
unsere Plöner Kameraden, die um dieselbe Zeit bei den Deutschen in Jugoslavien, im Bur-
genland, in der Tschechei und im Baltikum sind. Wir denken an alle Deutschen von diesem
nördlichsten deutschen Siedlerhof auf Island bis hinunter ans Schwarze Meer. Vielleicht ist
diesem oder jenem von uns an diesen Abenden iiberhaupt erst aufgegangen, was es um das
Schicksal und das Wunder der groBen deutschen Gemeinschaft ist.
Noch drei Tage bleiben wir auf der deutschen Rauchspitzensiedlung und haben eine unver-
geBIiche Ereude, daB wir durch kráftiges Zupacken unseren Landsleuten eine wirkliche Hilfe
sein können. So vor allem bei der Heuarbeit, um die sich in diesen Wochen alles dreht. An
einem Schlechtwettertag gibt es anderes zu tun; aus einem Grasstiick, das gepfliigt werden
soll, miissen die aus schweren Eeldsteinen zusammengesetzten Grundmauern eines alten Hau-
ses entfernt werden. Die Blöcke werden in die Náhe des Gemiisegartens gebracht und hier zu
einer bereits begonnenen Sturmmauer aufgeschichtet. Mit einer wahren Arbeitswut brechen
und wuchten wir den ganzen Tag Steine und schaffen so ein gutes Stiick Mauer. Ernst Fresc-
nius freut sich dariiber wie ein Kind und tauft das Stiick „Plöner Mauer“.
Polar-Skaldik im 20. Jahrhundert
Mitgeteilt von Dr. G e o r g i, Hamburg
AnlaB dieser Zeilen war ein zufálliger Eund aus Norwegen. In dem norwegischen Polar-Jahr-
buch 19351 hat Harald U. Sverdrup, Norwegens bedeutendster Arktis-Geophysiker und
1918—25 wiss. Leiter der Amundsenschen „Maud“-Expedition, einen Beitrag „Polar-Hu-
mor“ veröffentlicht. Ihm entnehmen wir folgende bezeichnende Stelle:
(Amundsen hatte wáhrend der Úberwinterung auf der „Maud“ den Arm gebrochen.) „Als
der Arm vier Wochen lang geheilt, aber noch inder Binde war, kam Roald Polfahrer von
neuem zu Schaden. Als er eines Morgens vorn beim Steven stand, hörte er einen Laut hinter
sich. Er drehte sich rasch um und gewahrte eine Bárin mit Jungem. Es gab da einen groBen
Wettlauf zwischen ihm und der Bárin. Roald Polfahrer erreichte als erster das Eallreep,
aber da war die Bárin dicht hinter ihm und streckte ihn zu Boden mit einem Schlag.
Roald Polfahrer war so bekleidet: Unten hatte er Fellhosen aber oben trug er ein Eell-
wams mit Hinternstuck. Die Bárin schlug so hart, daB die Klauen durch das Hinternstuck
und durch die Fellhosen mid tief in das Fleisch drangen.
Als die Bárin Roald Polfahrer uber den Haufen geschlagen hatte, meinte sie, daB dies wohl
getan sei, und wendete sich zuruck zu ihrem Jungen. Er erhob sich rasch, sprang hinein und
rief, da sei nun der Bár da, und der musse erlegt werden.
1 Polar Árboken 1935 utg. av Norsk Polarklubb. Gyldendals Norsk Eorlag Oslo 1935.
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