Mitteilungen der Islandfreunde - 01.01.1936, Qupperneq 38
Kantate fiir gemisohten Chor und Orehe-
ster, die sich aus sieben Absehnitten zusam-
mensetzt, in denen sich Dichter und Kom-
ponist mit der Entwicklungsgeschichte ihres
Landes bescháftigen. Das Werk, in der An-
lage unkompliziert, strömt eine eigenartige
Stimmung aus, die ihre Reize aus der nordi-
schen Empfindungswelt bezieht. Motive aus
der Edda spielen hinein, Erinnerimgen an die
groCe Wikingerzeit Islands werden wach, das
Volk wird zur nationalen Sammlung aufge-
rufen und dem Gedenken der Helden ist der
eindrucksvoUe SchluBchor gewidmet. Der
Komponist bezeichnet sein Werk als eine Art
Bequiem auf den Tod seines Vaters.
Der von hohem Streben erfiillte und gelei-
tete Tondichter hatte die Genugtuung, in
dem aufmerksam spielenden Orchester und
seinem, verstándnisvoll auf die stilistischen
Besonderheiten eingehenden Dirigenten Leo
Borchardt zwei Helfer am Werk zu sehen,
die, in Erkenntnis der mit dem neuen Deutsch-
land artverwandten Gedankengánge des na-
tionalen Komponisten Leifs darauf be-
dacht waren, dem ringenden deutschen Volk
das Mitfiihlen gleichgestimmter Seelen spiir-
bar werden zu lassen. Der „Berliner Volks-
chor“ hatte sich mit Eifer fiir die Lösung der
anspruchsvollen Aufgabe zur Verfiigung ge-
stellt. F. W.
Ein Vortrag von Lektor E. S. Kvaran,
Greifswald, fand im Nordischen Institut
der Universitát Kiel statt. Die Nordische
Rundsehau berichtet dariiber:
Das Nordische Institut der Universitát
Kiel hatte zu einem Vortrag des islándischen
Lektors in Greifswald, Herrn Kvaran, in dio
Universitátsaula eingeladen. Den fesselnden
Ausfiihrungen des islándischen Wissenschaft-
lers iiber „Die rassische Zugehörigkeit des is-
lándischen Volkes“ folgte ein bemerkens-
wert groBer Kreis von Zuhörern mit um so
stárkerer Anteilnahme, als bei diesem Thema
vieles zur Sprache kam, was im neuen Deutsch-
land im Mittelpunkt der Forschung und des
Fiihlens steht. Der Abend stellte ferner aufs
neue die guten Beziehungen unter Beweis, die
schon seit langem gerade die Universitát Kiel
mit der islándischen Wissenschaft verbinden.
Herr Kvaran gab einen Uberblick iiber das
von islándischen und norwegischen Forschern
bisher Geleistete auf dem Gebiete der rassi-
schen Durchforschung der Islánder. Uber das
alte Island geben uns die islándischen Sagas
mit ihren Personenschilderungen, die von ge-
schulten Beobachtern stammen, Auskunft.
Die Sorgfalt, mit der die Sagas die körper-
liehen Merkmale von mehr als 150 Personen
genauestens beschreiben, láBt darauf schlie-
Ben, daB man damals diesen Merkmalen eine
groBe Bedeutung beimaB. Versucht man nach
diesen Quellen ein Bild von der rassischen
Zusammensetzung der urspriinglichen Be-
völkerung der Insel zu gewinnen, so treten
drei Bestandteile hervor: ein hellfarbiger Ty-
pus, der sicher nordrassisch ist, ein dunkel-
farbiger Typus von hohem Wuchs, in dem
man die dinarische Rasse erkennen kann und
ein dunkelfarbiger Tjrpus von kleinem, zier-
lichem Wuchs, der dem entsprechen diirfte,
was wir heute westisch nennen. Uber die Her-
kunft von etwa 1000 Einwanderern besitzen
wir eine schriftliche Quelle. Demnach stammt
der gröBte Teil dieser 1000 Menschen aus den
westlichen Landschaften Norwegens, ein klei-
nerer Teil von den britischen Inseln und ganz
wenige aus Schweden. Furdie 19000 iibrigen
nach Island eingewanderten Menschen sind
wir auf Vermutungen und Schliisse angewie-
sen. Die moderne anthropologische Forschung
bestátigt die gemeinsame, vorwiegend nord-
rassische Grundlage der islándischen und
westnorwegisohen Bevölkerung. Blutgruppen-
untersuchungen haben ferner die rassischen
Beziehungen der islándischen Menschen zu
den dinarisch bestimmten Schotten bestá-
tigt. Uber die Einschláge der ostischen (alpi-
nen) und ostbaltischen Rasse ist aus den Sa-
gas nichts zu erkennen. In der heutigen Be-
völkerung sind sie angedeutet. Das Schön-
heitsideal der alten Zeit, besonders das Man-
nesideal, iiber das uns manches berichtet wird,
ist nordrassisch geprágt.
Die mitdankbarem Beifall aufgenommenen
mssenschaftlichen Ausfuhrungen des Islán-
ders mögen manchem Zuhörer gewisse ro-
mantische Vorstellungen vom hochnordischen
Menschentum des wunderreichen Thule zer-
stört haben — uns, die wir Wert darauf lcgen,
die Fragen der Rasse der Spháre backfischi-
ger Schwármerei mögliclist fern zu wissen,
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