Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Blaðsíða 2
Neues islándisclies Scliriíttum in Deutscliland1
von Reinhard Prinz
Das vergangene Jahr hat einen ganz neuen Abschnitt in der Geltung des
zeitgenössischen islandischen Schrifttums in Deutschland und damit vielleicht
in der Welt eingeleitet. Es ist eine ganze Gruppe islándischer Biicher auf dem
deutschen Biichermarkt erschienen — Werke von solcher Kraft und Gediegen-
heit, daö sie uns in mehrfacher Hinsicht eine grofie VerheiBung bedeuten. Wer
das islándische Geistesleben beobachtet hat, konnte seit langem wieder etwas
wachsen sehen, was einmal der Stolz und der dauernde Ruhm der Islánder
gewesen und dann unter der schweren Lebensnot jahrhundertelang verschiittet
war: eine groBe Prosakunst. Die alte dichterische Erbkraft der Islánder hat
im gebundenen Wort auch in unserer Zeit den nie verdorrten Muttergrund
der lebendigen V olksdichtung weitergehegt und in einem Dichter wie Einar Bene-
diktsson schon lange auch einen zeitgenössischen Gipfel der Meisterdichtung her-
vorgebracht. Dagegen stand die Epik bis zur letzten Generation ganz im Schat-
ten dieser gebundenen Form. Und doch entfaltete sie sich nach den ersten neuen
Ansátzen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in aller Stille zu immer grö-
Beren Formen und Gegenstánden — und jetzt tritt sie kraftvoll, wie zu einem
neuen Siegeslauf geriistet, in die groBe Welt. Deutschland ist das erste groBe
Land, das dieser vielversprechenden islándischen Prosadichtung seine Tore
öffnet — so wie es immer der Vermittler und Betreuer nordischer Geistesschöp-
fung gewesen ist. Dabei sind heute die MaBstábe, unter denen ein Schrifttum
inDeutschlandAussicht hat, zur Geltung zukommen, eindeutiger und anspruchs-
voller denn je. Wir haben kein Verstándnis mehr fúr noch so geistreiche Deka-
denz, fur Allerweltspsychologie und das verantwortungsscheue Reizspiel seicli-
ten GenieBertums. Was heute in Deutschland Heimatrecht verlangt, das muB
schon aus seiner eigenen heimatlichen Tiefe kommen, gesund, echt, voll Ge-
wicht und entscheidungswilligem Leben. Aus der langen Sehnsucht, daB noch
einmal die Welt sich verwandle und jung und stark werde, ist heute in Deutscli-
land Kraft und Wille geworden. Wo wir da nach verwandten Stimmen hor-
chen, wenden wir uns unwillkiirlich zuerst nach Norden.
Unter den islándischen Schriftstellern, von denen im letzten Jahr deutsche
Ubertragungen ihrer Werke erschienen sind, ist Gunnar Gunnarsson in Deutsch-
land kein Unbekannter mehr. Und doch wird er als ein Neuer von dem neuen
Deutschland begruBt. Seine beiden letzten Búcher: ,,Die Eidbrúder“ und „Im
Zeichen Jörds“ nehmen wir nach dem Jon Arason als einen neuen erfolgreichen
Schritt auf seinem neuen Wege: aus der wunderbar keimereichen Geschichte
1 Vgl. dazu die Anzeigen im Biicherteil.
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