Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Blaðsíða 3
seines islandischen Volkes zu schöpfen und an diesem echtesten Stoff seinen
Willen zu allgemeingiiltiger, iiberprivater Menschen- und Weltschau und seine
beste Kunst zu erweisen. Wir haben lange darauf gewartet, daB neben den
Gelehrten auch die islándischen Dichter einmal Mut bekámen zu der Geschichte
ihres eigenen Volkes; die ist ja so voll von menschlicher Spannung, von Stolz
und Tragik des germanischen Menschen, daB ganze Generationen von Dich-
tern sich daran verzehren können. Auf solches Menschenschicksal im Bannkreis
des Volksschicksals, das bei dem Inselvolk der Islánder mit seinem Herrengeist
so greifbar ist wie kaum irgendwo sonst, ist heute unsere stárkste Anteilnahme
gerichtet. So hat auch Gudmundur Kamban gleich mit seinem ersten grofien
Roman, der 1934 in deutscher Úbertragung erschienen ist, stárksten Wider-
hall in Deutschland gefunden. Auf diesen Skálholt-Roman ist nach seinem Er-
scheinen in Island und Dánemark zuerst in Deutschland in diesen Bláttern
in einer ausfiihrlichen Besprechung aufmerksam gemacht worden (Mitteilungen
der Islandfreunde, 1931, Heft 2). Kambans „Jungfrau auf Skalholt“ ist ein
Werk, in dem aus einem Geschehnis und einer Figur typischer islándischer
Volksgeschichte eine Frauengestalt und ein Frauenschicksal von solcher Gröfie
und Giiltígkeit wird, dafi diese islándische Bischofstochter und mit ihr das Sttick
Island, in dem sie lebt, in Zukunft in der Reihe der grofien Frauenbilder stehen
wird, die die nordische Dichtung von der Saga bis zur Gegenwart uns geschenkt
hat. Kamban hat mit diesem Buch sich und seinem Volke einen breiten Weg
in Deutschland gebrochen, auf dem wir ihm hoffentlich noch manches Mal be-
gegnen werden. — Und noch ein dritter Islánder hat in diesem Jahre seinen
Einzug in Deutschland gehalten: Kristmann Gudmundsson. Sein Buch: „Mor-
gen des Lebens“ ist ein wundervolles Sttick Leben zwischen dem islándischen
Meer und einem islándischen Menschen, in dessen Leidenschaft, Schicksal und
Frömmigkeit Seele und Erde zutiefst sich verschlingen. Diese Menschenge-
schichte ist das Werk einer Empfindungsfáhigkeit, einer Erdverbundenheit
und Gestaltungskraft, die einen auf diesen jungen Dichter grofie Hoffnungen
setzen láfit. Es kann nach diesem Buch keiner mehr an ihm vorbei, der Islands
wundersames Herz in seiner ganzen Ftille schlagen hören will.
Ftir die Wirkung und eigene Fortentwicklung des islándischen Schrifttums
wird seine Ansiedlung in Deutschland von grofier Bedeutung sein. Wir sollen
sie fördern, wo und wie wir nur können. Die Begegnung und Verbundenheit in
solchem Schrifttum ist eines der lebendigsten und immer weiter zeugenden
Zeugnisse der geistigen Wechselwirkung zweier Völker. Vielleicht werden es
die islándischen Schriftsteller dann auch einmal nicht mehr nötig haben, in
fremden Sprachen zu schreiben, wie Gunnar Gunnarsson dánisch und Krist-
mann Gudmundsson meist norwegisch schreibt — eine dauernde Gefahr ftir
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