Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 25

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 25
erworbene Ortskenntnis kam uns dann spáter bei der Ruokkehr vom Krater in dem vom Neuschnee iiberdeckten Spaltengebiet sehr zugute. Es hátte wenig Sinn gehabt, bei dem immer wieder hereinbrechenden Nebel und Regen unter Ausgabe aller Reserven einen Vor- stoB zu erzwingen, wenn auch unser guter Berliner Ereund mit all seinen moralischen Argu- menten an uns herumpraktizierte. Die Verháltnisse sind es, die in den Bergen ein Unter- nehmen schwierig oder einfach gestalten. Der Vatnajökull aber láBt sich nicht ertrotzen. Er war unser Ziel, aber wir hatten in solchen Augenbhcken gelernt, ruhig zu warten, um zu guter Stunde mit frischer Kraft ans Werk zu gehen — und nur dann gegen die Naturgewalten den ungleichen Kampf zu kampfen, wenn es unsere Lage bedingungslos erfordert. Die Wetterlage besserte sieh. Da begannen wir erneut den Aufstieg auf den Gletscher. Nach vielen Stunden erreichten wir einen erhöhten Punkt gegeniiber dem Geirvörtur. Endlos lagen nun die weiten weichen Eirnfelder vor uns und ermöglichten ein weniger muhsames Vor- wártskommen. Am Abend schlagen wir am EuB der Gnýpa unser Zelt auf. Da steigt blutig- rot der Vollmond auf; kein Laut durchbricht die Stiile: tote Landschaft! Und doch so leben- dig in dem wechselnden Spiel der Farben. Im fahlen Blau schwimmen die endlosen Eláchen und die Berge erheben sich in uberirdischen AusmaBen tiber die ewige Horizontale. Auf dem hart gefrorenen Eirn drangen wir auch am folgenden Tage mit unserem Schlitten rasch voran. Die wenigen Spalten, auf die wir stieBen, muBten wir, selbst wenn sie oben schmal waren, meist umgehen. Sie waren unbeschreitbar, weil die Schneeránder mehrere Meter weit unterhöhlt waren. Dort, wo die Schneebretter einsttirzten, klafften C—8 m breite Spalten, die sich nach unten glockenförmig weiteten. Grundlos schienen sie zu sein. Mehr als 60 m konnten wir mit unseren Seilen nicht messen. Etwa 15—20 km vom Krater ontfernt begannen die Aschenlagen so dicht zu werden, daB wir den Schlitten mit einigem Gepáck zurticklassen muBten ■— ftir immer. Nun wurde der Weg rauher; man hatte den Eindruck, tiber einen Sturzacker zu stolpern. Daim wurden die Aschenlagen dicker. SchlieBlich bildeten sie 2 m hohe, vom Sturm hingelegte Bánke, flie das Aussehen machtiger schwarzer Sarge hatten. In weitem Nordostbogen umgingen wir die Jökulbunga und erbhckten plötzlich am Horizont aufsteigende helle Rauchwol- ken. Der Krater! Wenige Stunden spater standen wir vor dem ungeheuren Explosions- krater. Es war am 23. Augustgegen 20 Uhr. Wir schátzten seine AusmaBe auf etwa 4x 6km. Von einer 2—3 m machtigen Bimssteinschicht am Kraterrand konnten wir unmittelbar in den Schlund hinabsehen. Eine Eiswand von 200 m Máchtigkeit sttirzte senkrecht in die Tiefe. An zwei Stellen drangen von unten dicke stechende Rauchschwaden auf, deren Gase wir schon in einer Entfemung von 25 km wahrgenommen hatten. Auf einem mehr stid- westlich gelegenen Becken lag ein matter Glanz. Es war vermutlich ein Kratersee. Eine sternklare Nacht brach herein, aber am anderen Morgen htillte ein rasch eingetretener Wetterumschlag die Landschaft in tiefen Schnee. Wir hatten ursprtinglich im Sinn, den Krater zu umgehen, um an seiner gtinstigsten Stelle einen Abstieg zu versuchen. Aber gegen Mittag wurde das Schneetreiben noch dichter, so daB wir den Plan endgtiltig aufgeben muBten. Dazu kam Knappheit an Lebensmitteln. Wir durften also hier nicht lánger ver- weilen. Wilhelm spricht es aus, was wir heimhch alle ftirchteten: „Der Winter hált auf dem Vatnajökull seinen Einzug.“ Da beschlossen wir den Rtiekzug. Mit dor Bussole suchten wir durch Nebel und Schneetreiben den Weg. Jetzt ráchte es sich, daB wir bei der Umgehung der Jökulbunga im Anblick des rauchenden Kraters zu wenig Peilungen vorgenommen hatten. Wir kamen zu weit nach Stidosten; nach 7 sttindigem Marsch standen wir vor máchtigen Gletscherspalten, die quer uns den Weg versperrten. Glticklicherweise besserte sich ftir wenige Augenblicke die Sicht und lieB uns die Eisab- sttirze und Felszacken eines alten Kraters von 1903 erkennen. Nun hatten wrir einen An- haltspunkt. Wir bentitzten die wenigen Stunden vor der frtih hereinbrechenden Nacht, um im weiten Bogen nach Westen auf die alte Marschlinie vorzustoBen. Alles hing nun von der rein geftihlsmtiBigen Abschátzung der Entfeniungen ab, denn es gibt von diesem Gebiete 185

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