Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Blaðsíða 26
keino Karten. Wir durften weder östlich noch westhch zu weit vom alten Wege abkommen.
Beidesmal waren wir in uniiberwindhche Spaltenzonen gelangt. Nach einem diirftigen Nacht-
essen — es reichte zu dritt ein handgroCes Stuck getrockneten Kabeljau und etwas Tee —
sprachen wir uns uber unsere Lage aus. Die ganze Nacht wirbelten die Schneeflocken her-
nieder, und als wir am anderen Morgen erwachten, hatte der Wind unser Zelt mit Schnee
zugeweht.
Viele Stunden stapften wir wieder seit dem friihen Morgen durch den tiefen Sohnee.
Nebel und Schneetreiben waren zeitweise so dicht geworden, daB man den Vordermann
am Seil nicht mehr gewahrte. Gegen Mittag stehte Wilhelm, der seit Stunden spurto, fest:
„Jetzt ist es 12 Uhr, auf der ganzen Welt macht man um diese Zeit eine Pause“, nahm
seinen Rucksack ab und setzte sich darauf. Punktum! Eine kleine Meinungsverschiedenheit
úber die AusmaBe unseres Mittagessens war bald geschlichtet: Jeder erhielt eine Drittel-
rippe Schokolade, worauf Hermann feierlich erklarte, daC er, sobald er in Reykjavik sei,
drei Tafeln auf einen Sitz fressen werde. Wir waren gezwungen, aufs auCerste zu rationieren,
woUten wir auch nur wenige Tage hier oben durchhalten. Das war am Preitag, dem 24. Au-
gust, dem kritischen Tag, an dem alles abhing von unserem rein instinktiven Orientierungs-
vermögen und der kleinen zitternden Magnetnadel. Wir hatten langst gegessen, warten war
zwecklos, und doeh bhckten wir unverwandt nach Osten und Súdosten. Die Sonne war
minutenlang als matte weiBe Scheibe hinter dem Nebel erschienen und zeichnete die ersten
leisen Schatten. Wir waren nicht mehr Schattenlose, Wesenlose, wir waren wieder Menschen
mit Fleisch und Blut. Wir wollten nicht ewig so hier oben wandem, wir woUten jetzt mit
eigenen Augen die Gnýpa sehen, die sich dort hinter den verdammten Wolken verbergen
muBte. Es war uns gerade recht, daC dort drúben die Nebelfetzen am lángsten hingen. Das
sprach ftir die Gnýpa! EndUch lösten sie sich von der Erde, stiegen — und vor uns lag der
Berg. Damit war der nebelhafte Spuk der letzten Tage mit seiner beengendem UngewiCheit
weg. Unsere Lage war klar. Wir bewegten uns in 1—2 km Abstand parallel zu unserer alten
Marschroute. Da entdeckten wir auch schon in etwa 150 m Abstand fein sauberUch auf einem
Gletsehertisch serviert das verlassene Nielsensche Zelt. Der Vatnajökull hatte uns unsere
SchUtten, unser Petroleum, unser Ersatzzelt geraubt — in dem dichten Nebel und Schnee-
treiben konnten wir die Sachen nicht wieder auffinden. — Jetzt spendierte er uns plötzUch
ein Zelt mit Wollsachen, Schuhen, Rucksacken, Petroleum, Ölzeug und Gesteinsproben. Wir
konnten alles wohl brauchen, und in dem warmen Sonnenschein kleideten wir uns fröhlich
neu ein. Aus der zermúrbten Zeltwand aber schnitten wir feierlich einen Fetzen lieraus, den
wollten wir Einarsson bringen. Es hatte damit seine eigene Bewandtnis: Das Nielsensche Zelt
war Einarssons Eigentum. Eine engUsche Firma hatte ihm beim Kaufe ein neues engUsches
Seidenzelt versprochen, wenn auch nur ein Fetzen den Vatnajökull tiberdauern sollte. Ei-
narsson soll sich freuen und inZukunft in einem Seidenzelt schlafen! DerNeuschnee hatte die
schmalen Spalten geschlossen, aber diese Gegend kannten wir aus unseren Erkundigungs-
fahrten her dank der Schlechtwetterperiode am „Roten Vulkan“ sehr wohl. Hier waren wir
nie ernstUch gefáhrdet. Zwei Tage noch schleppten wir das Geborgene úber das Eis. Dann
kamen wir mit fúnf Rucksácken und einem Ölsack wieder an den „Roten Vulkan“. Wieder
brach schlechtes Wetter herein. Unsor Zelt hatte máchtige Stúrme uberstanden, es war dazu
geschaffen. Es hattedem UeftigstenRegengetrotzt;aberheute, woder Sturmmitungeheurer
Gewalt auf dem schrágen Zeltdach stand, drúckte er förmlich den Regen durch. Halb im
Schlaf hörte ich in jener Nacht auf gut Berlinerisch einen murmeln: „Kinder, denkt daran,
daC es oben an der Gnýpa schneit!" Da liatte er recht. Immer noch besser hier im Regen und
Sturm als oben im Eis.
BezúgUch des Wetters machten wir uns fúr die náchsten Tage keine groCen Hoffnungen
und behielten recht. Jetzt waren wir gezwungen, den im Anstieg genommenen Weg zu
verlassen, weil sich die Eisverháltnisse wesentlich verschlechtert hatten. Wir erreichten nach
einem anstrengenden Marsch úber súdöstlich und súdlich gelegene Höhenzúge das dem
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