Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Blaðsíða 18
Island in landscliaftskundlicher Betrachtung
von Helmut Yerleger
Die Natur einer Landscliaft ist in erster Linie vom Klima abhángig, von der
geographischen Lage innerhalb der Klimagiirtel der Erde. Als weitere Land-
schaftsbilder folgen dann: Oberfláchengestaltung, geologischer Aufbau, Pflan-
zendecke, Bodenbildung u. a., die nicht als Einzelkráfte, sondern infolge ihrer
Wechselbeziehungen und gegenseitigen Durchdringung gemeinsam auf die Aus-
gestaltung der Landschaft einwirken. Die Landschaftskunde, die von Passarge
begriindete neue Richtung der geographischen Wissenschaft, hat es sich zur
Aufgabe gemacht, iiber die Grenzen der Lánder und Staaten hinweg die zu-
sammengehörenden Landschaftsráume zu erfassen und zu erforschen und dann
untereinander zu vergleichen. So hat Passarge in seiner Vergleichenden Land-
schaftskunde die Klimagiirtel der Erde in Landschaftsgiirtel aufgeteilt.
Uns interessiert hier nun die Frage nach der Stellung Islands innerhalb dieser
Landschaftsgiirtel. Island liegt siidlich des nördlichen Polarkreises, der nur den
áuBersten Zipfel des Landes schneidet, also hart an der Grenze der kalten und
gemáBigten Zone. Da aber das Klima in seiner Verbreitung nicht an mathe-
matische und astronomische Grenzlinien gebunden ist (die Eiswiisten Grön-
lands reichen bis zum 60° n. Br. herab), sieht man in der Geographie nicht die
Polarkreise, sondern die 10° Juli-Isotherme als die Grenze zwischen den Polar-
kappen und den gemáBigten Zonen an. Dementsprechend gehören alle Orte,
die im Juli, dem wármsten Monat des Jahres, eine niedrigere Temperatur als
10° C aufweisen, zu den Polarkappen. Von den 34 islándischen Beobachtungs-
stationen hat die Hálfte eine geringere Juliwárme als 10° C. Diese kiihlen Som-
mertemperaturen entsprechen aber nicht den milden Wintertemperaturen, die
besonders in Siidisland herrschen und kaum niedriger sind als unsere norddeut-
schen. So verláuft die Nullgrad-Januarisotherme gleichzeitig durch Hamburg
und Súdisland. Ganz abgesehen davon, daB in der Natur scharfe Grenzlinien
áuBerst selten sind (es sind immer ^ breite Úbergangsgúrtel vorhanden), ist
infolge der oben dargestellten Temperaturverháltnisse, der geringen jáhrlichen
Schwankung, eine Einbeziehung Islands in die Káltewiisten der Polarkappen
unmöglich. Zwischen die gemáfiigten Mittelgiirtel und die Eis- und Káltewiisten
der Pole schiebt sich ein verschieden breiter Ubergangsgiirtel der Káltesteppen,
die ihrerseits landschaftskundlich in die Tundren und subpolaren Wiesenlánder
gegliedert werden.
Zu den subpolaren Wiesenlándern, die nur eine geringe Verbreitung ein-
nehmen, rechnet man imNorden: Siidwestgrönland, die Aléuten, Lofoten, Fár-
öerinseln und Island. Als die wichtigsten Pflanzenvereine der subpolaren
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