Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 37

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 37
steigen. Thorsteins Tat ist wahrlioh eine harte Lebenstat, die wohl nicht weniger hoch ge- wertet werden kann als Ingolfs Fahrt und Besitzergreifung. Viele Menschen ziehen an uns vorúher. lmmer sind es eigengeformte, rechte Islander. Es sind Söhne und Enkel der ersten Land- nehmer, es sind auch schon welche darunter, die nicht mehr vom Hammerschlag Thors ge- weiht werden wollen, sie hángen dem neuen Glauben an. Doch kaum wichtig erscheint diese Tatsache neben dem harten Kampf der Geschlechter um Blut und Boden. In dem grofien Leben und Wirken Thor- steins steht die Kindheit und Jugend Thor- kels, seines Sohnes. Wir erleben mit, wie er sich vom Baimkreis seiner Mutter Tora, der ewig Geheimnisvollen, löst und sich die Welt auf dem váterlichen Hof erobert, wie er dann seine Kreise weiterzieht, wie er seine erste Seefahrt macht, wie er seine Verwandten be- sucht und so andere Menschen und Land- schaften sieht, wie immer der Mensch das Bátselhafteste fur ihn bleibt, wie er seine Freunde findet und durch Freude und Ent- táuschung lebensklug wird, wie er in das Amt eines Richters hineinwáchst und dann des Volkes Fiihrer wird, — und wie er doch im- mer wieder seinen Hof als das Eigenthche ■seines Schaffens erkennt, denn die Erde ist gut und freundlich allen, die ihr dienen. — Wir kennen Gunnarssons Stil. Er schreibt chronikhaft einfach und wuchtig, wie der Stoff es verlangt. Wer seine „Eidbrúder" kennt, wird gleich zu diesem Buch greifen mússen. Er wird nicht enttáuscht sein. N.P. Gudmundur Kamban: Die Jungfrau auf Skalholt. Inselverlag, Leipzig 1934.506S. Wieder ist es ein Frauenschicksal, das uns hier das nordische Schrifttum gestaltet schenkt, ein Frauenschicksal von der Gröfie der „Kristinn Lavranstochter“. Es spielt auf Island, der Heimat des Dichters, und zwingt von der ersten Seite an unsern Blick unab- wendbar diesem Lande zu. Kamban geht auf eine gescliichtliche Fabel des 17. Jahrhunderts zurtick, die im Volke weiterlebte, aber zur lebhaftesten Anteilnah- me erst aufrief, als der Dichter sie kúnstle- risch gestaltet zur Unsterblichkeit erhoben hatte: Es geht das Gerúcht eines Liebesver- háltnisses um Ragnheiður, die Bischoi'stoch- ter, und Daði, ihren jungen Lehrer. Der Bi- schof fordert von ihr den öffentlichen Eid, durch den sie ihre Jungfrauenschaft beschwö- ren soll. Sie tut es; im Winter darauf be- kommt sie einen Sohn, dessen Vater Daði ist. — Hat Ragnheiður einen Meineid geschworen oder nicht ? Das naive Urteil des Volkes be- jaht allgemein diese Frage, wir wissen nicht, ob zu Recht oder zu Unrecht. Der Dichter Kamban aber vemeint sie, und dadurch ver- mag er Ragnheiður zu einer Persönlichkeit zu gestalten, die fáhig ist, ein erbittertes Ringen mit ihrem Vater, Bischof Brynjolf, einem der máchtigsten, geschichteschaffenden Mánner des Jahrhunderts, heraufzubeschwören und darin standzuhalten. Denn seine Ragnheiður scliwört sich selbst am Tage der Eidesable- gung einen anderen Eid: sich fur diese Er- niedrigung an ilirem Vater und durch ihn an der Kirche zu ráchen und sich ihre persön- liche Freiheit zu ertrotzen. Nach der Eides- ablegung, ja, der Tag war noch nicht zu Ende, gibt sie sich Daði hin, den sie starken Herzens liebt, dem sie bisher aber nur in ihrer liebe- fordemden Vorstellung angehörte, — sie ver- bringt dann mit ihm einen Sommer schön- sten Glticks, das noch gesteigert wird durch das Bewufitsein der Mutterschaft. Die innere Haltung Ragnheiðurs zur Zeit, da sie im Haus und in der Obhut einer mutterlichen Freun- din ihr Kind und zugleich den Zom und die Verdammung ihres Vaters erwartet, ist der Höhepunkt der inneren Handlung. Keine Reue, keine Angst láhmt sie. Unglaublich klar und gut fúhlt sie ihr Schicksal in sich. Es macht sie stark, alles auf sich zu nehmen, was von ihr verlangt wird. — Und es wird viel von ihr verlangt! Man nimmt ihr das Kind, man fordert ihre Heimkehr, man zwingt sie zur Kirchenbufie, und das Leben gestaltet sich ihr eng und unfrei. Ragnheiður ftigt sich, jedoch nur áuBerlich. Ihr Wille, sich zu recht- fertigen, bleibt stetig und stark und fordert vom Vater, sich damit auseinanderzusetzen. Und so sehen wir des Bischofs Seele in allen ihren AusmaBen, in Verkrampfung und Vater liebe, in Hárte, aber auch in Gúte vor uns. Und weiter will Kamban nichts. Er will nicht einen lauten Sieg, er will kein Ende mit einer 197

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