Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 24

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 24
gutem Mut begannen wir die máchtigen Blöcke aufwárts zu turnen. Im Gegensatz zu den friiberen Expeditionen hatten wir keine Tráger. So mufíte jeder von uns mehrere Male den steilen Bruch iiberwinden, bis mit Hilfe von Seilen und Reepschnur die gesamte Ausriistung auf das Eis heraufbefördert war. Nach siebenstiindiger Arbeit hatten wir mit annáhernd 3 Zentner Gepáck die 50 m hohe Eiswand iiberwunden. Etwa die Hálfte des Gepáckes fand auf dem Schlitten Platz, wáhrend der Rest gleichmáBig in unsere drei Rucksácke verteilt werden muBte. Fiir das Eis hatte unser Schlitten Stahlkufen; fiir das Firnfeld in gröBerer Höhe besafien wir zwei Paar Skier, die unter die Kufen des Schlittens montiert werden konnten. Zugleich hofften wir dort auf den ebenen Fláchen unsere Schlitten stárker belasten zu können. Die Sonne stand im Mittag, als wir uber Spalten und Schneebrucken vordrangen. Unser Ziel war der Krater. Wir hatten nur das Notwendigste mit, doch als auch dieses noch immer zu schwer und umfangreich war, mufiten wir etwas Petroleum, etwas Seil, Reepschnur und leider auch Proviant zuriicklassen, schweren Herzens! Aber es muBte sein, wollten wir nicht erfolglos die ganze Miihe der náchsten Tage auf uns nehmen. Gerade hierin liegt die Haupt- schwierigkeit bei einer sommerhchen Begehung dieses Teils des Gletschers. Man muB auBer der gewöhnhchen Ausriistung fiir das Eis noch mit dem an sieh schweren Ölzeug rechnen, dazu kommt Petroleum und Lebensmittel fiir drei Mann auf 14 Tage bis 3 Wochen! Das Eis dieser Randzone war so zerkliiftet, daB wir uns jeden Meter erkámpfen muBten. Zwar waren viele der Spalten klein und leicht iiberschreitbar; mit dem Schhtten mach- te es aber doch Muhe. Dazu kam, daB er auf dem zerschrundenen Gelánde oft kippte und das Aufrichten Zeit und Mtihe kostete. Das hinderte uns im Vordringen ganz be- tráchtlich. An diesem Tage kamen wir nur noch 2 km voran; zu dem ersten Kilometer benötigten wir 30000 Schritte (= 25 km), wie unser Schrittmesser feststehte. Das waren keine rosigen Aussichten, zumal der Krater etwa 50 km vom Eisrand entfernt hegt. Wir waren noch einen Tag auf diesem spaltenreichen Zehrgebiet des Gletschers. Doch die Eis- verháltnisse besserten sich bald. Wir verstanden den Schhtten gewandter zu handhaben und drangen rascher voran. Bisher hielten wir auf dem Gletscher so ziemhch Kurs Nordost. In dieser Richtung sollten wir nach Angaben Einarssons die in gleichmáBigem Abstand aus dem Inlandeis aufragenden Berge Hagöngur, Geirvörtur, Gnýpa, Jökulbunga westhch passieren, um dann in Ost-Nord-Ost-Richtung gegen den Krater vorzudringen. Zwei Tage hatten wir die Richtung gut eingehalten. Da bot sich eine Schwierigkeit: der Eisrand kehrte sich plötz- hch nach Nordwesten, um dann in groBem Bogen úber Osten nach Súdosten umzuwenden. Zwei Möghchkeiten blieben uns: entweder konnten wir liier oben bleiben und den Weg durch ein riesigesEistrúmmerfeld versuchen.oder aber wir muBten auf das Schwemm-und Schotter- feld der oberen Djupá absteigen, es in Nordostrichtung queren und dann von neuem auf den Gletscher aufsteigen. Wir wáhlten den uns leichter erscheinenden Weg und stiegen ab. „Ein ganz manierhcher Abstieg" meinte Herrmann. Als wir aber nach vielstúndiger Arbeit voll- stándig verdreckt und naB unten ankamen, hielt er auch die Bezeichnung „AbstiegderWild- saue“ fúr treffender. Wir querten die obere Djupá und ihre Schotter und schlugen am jen- seitigen Gletscherrand beim „Roten Vulkan“ unser Zelt auf. Gegen Abend bestiegen wir seinen Kraterberg. Eine weite Landschaft mit neuartigen Formen lag vor unseren Blicken. Nach Súden zog dem geschwungenen Eisrand entlang in vielen Armen die Djupá und zeich- nete sich bei der untergehenden Sonne als ein feingeghedertes silbernes Band auf die dunklen Steinfelder. Im Norden floB das Inlandeis sanft gegen steile Moránen, die stohen- weise von úbereinandergeschobenen riesigen Bergtrúmmern durchbrochen wurden, ab. Da- hinter wuchsen aus máchtigen Eisbrúchen die Geirvörtur empor. Weit drauBen am Horizont lagen geduckt die Oaraefaberge, uber denen zarte Wolkenfahnen schwebten, die ersten Vor- boten schlechten Wetters. Schon úber Nacht brach es herein und hielt uns mehrere Tage fest. Diese Tage benútzten wir fúr kleinere Erkundigungsfahrten in dem vor uns liegenden Teil des Eises und die östlich und súdösthch der Djupá liegenden Höhenztige. Die dadurch 184

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