Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 15
— es war das erstemal, daö ein regierender Monarch islándischen Boden hetrat —
zur Tausendjahrfeier der Besiedelung des Landes im August 1874. So begannin
diesem denkwiirdigen Jahr ein neuer Abschnitt der islandischen Geschichte.
Erfiillte die neue Verfassung (die auBerdem mehr von Dánemark gegeben als
mit den Islándern vereinbart war) auch einen Teil der wichtigsten Wunsche der
Islánder, so schien sie doch nur, wie die Gewáhrung des Alldings im Jahre 1843,
eine Anerkennung der besonderen Verháltnisse Islands zu bedeuten, nicht eine
Anerkennung der von den Islándern verfochtenen staatlichen Selbstándigkeit.
Die weitere Entwicklung der Verfassung als einer Organisation der eigenen Ver-
waltung des Landes konnte nur eine Frage der Zeit sein. Um die Souveránitáts-
frage aber sollte es noch einen harten Kampf geben, in dessen Zeichen auch die
alte staatsrechtliche Diskussion wieder aufgenommen und noch einmal bis zu
stárksten persönlichen Gegensátzen zugespitzt wurde. Doch lieB sich bei dem
auBerordentlich schnellen Aufblúhen des islándischen Lebens auf allen Gebieten,
dem man die Gegenwirkung der neuen Freiheit gegen die frúheren Zustánde auf
Schritt und Tritt ansah, der einmal eingeschlagene Kurs der mit den Verfas-
sungsánderungen Hand in Hand gehenden politischen Verselbstándigung des
Landes nicht mehr abdrehen.
Der immer gehegte Wunsch der Islánder, den Minister fúr Island im eigenen
Lande zu haben, wurde nach der neuen Regelung der Verháltnisse immer stárker
unterstútzt durch die praktischen Schwierigkeiten, die die örtliche Trennung
der obersten Regierungsinstanz und des Alldings mit sich brachten. Auch schien
es immer notwendiger, statt eines fremden Ministers, der zugleich dánischer
Jiistizminister war, einen Islánder mit diesem Posten zu betrauen. Diese Neue-
rungen lieBen sich jedoch trotz mehrfacher energischer Versuche (1885, 1895)
erst erreichen, als in Dánemark das konservative Ministerium von der Links-
partei abgelöst wurde. Im Jahre 1903 bekam Island seinen eigenen Minister,
der in Reykjavik wohnte, das Amt des Landeshauptmanns und die Minister-
stelle fúr Island in Kopenhagen wurden abgebaut. Erster Minister fúr Island
wurde der bekannte islándische Dichter und Politiker Hannes Hafstein. Eine
Beschránkung der neuen Einrichtung war es, daB der Minister die besonderen
Angelegenheiten Islands dem König nicht direkt, sondern im dánischen Reichs-
rat vortragen sollte. AIs Zurúcksetzung empfand man es ferner, daB Island in
den gemeinsamen Angelegenheiten des Reiches keine Stimme hatte. Uberhaupt
ftihlte man sich auf Island trotz der weitgehenden Selbstregierung immer noch
zu sehr als ein Teil von Dánemark betrachtet und behandelt. Immer deutlicher
hebt sich in diesen Jahren hinter allen Selbstándigkeitsbestrebungen der Is-
lánder das Ziel einer auf eine reine Personalunion beschránkten Verbindung mit
Dánemark ab. Aus der Verfassungsfrage wird die Unionsfrage.
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