Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Blaðsíða 16
Im Jahre 1906 werden diese neuen Ziele zum erstemnal klar ausgesprochen
und offen diskutiert. Versammlungen, die im Jahre 1907 im ganzen Lande ab-
gehalten wurden und auf deren gröBter auf Thingvellir eine Eesolution angenom-
men wurde, die eine Union mit vollstandiger Souveranitát fiir Island verlangte,
gaben Zeugnis von der starken neuen Bewegung, die das Volk ergriffen hatte.
So sah sich Friedrich VIII., der 1906 zur Regierung kam und den Islándern von
vornherein sehr wohl wollte, veranlafit, wáhrend seines Besuches auf Island im
Jahre 1907 eine aus Dánen und Islándern gebildete Kommission einzusetzen,
die ein Gutachten iiber eine Neuregelung der Stellung Islands ,i det Samlede
danske Rige’ ausarbeiten sollte. Der aus der Arbeit dieser Kommission hervor-
gehende Entwurf (til Lov om det statsretlige Forhold mellem Danmark og Is-
land)1 wollte jedoch Dánemark und Island als ein Reich betrachtet wissen2.
Die Auseinandersetzungen iiber diesen Entwurf trieben die politische Erregung
auf Island selbst noch einmal bis zum áuBersten. Sie endeten jedoch mit einem
iiberwáltigenden Sieg der Selbstándigkeitspartei, auf dem Allding des Jahres
1909 wurde der Entwurf abgelehnt oder doch so wesentlich abgeándert, daB ein
Eingehen der Dánen darauf nicht zu erwarten war.
Damit kam die Unionsfrage vorláufig zur Ruhe, obwohl der König die eine
der beiden Hauptfragen, die in den náchsten Jahren Gegenstand der Ausein-
andersetzungen wurden, zunáchst direkt von ihrer vorherigen Lösung abhángig
machte: die Bestimmung, daB die islándisehen Angelegenheiten im dánischen
Reichsrat zu verhandeln waren. Dennoch gelang es, die Beseitigung dieser Be-
stimmung noch vor der Entscheidung der Unionsfrage durchzusetzen; das dies-
beziigliche Gesetz (vom 19. Juni 1915) erfiillte zugleich noch zwei weitere Wiin-
sche: die Ersetzung der 6 vom König ernannten Dingleute durch die gleiche An-
zahl vom Volk gewáhlter Abgeordneter und die Ausdehnung des Wahlrechts
auch auf die Frauen. Der andere, seiner Natur nach weniger wesentliche, aber
desto mehr symbolische Streitpunkt in diesen Jahren war die Flaggenfrage.
Schon im Jahre 1884 war bei den Islándern zum erstenmal der Wunsch nach
einer eigenen Flagge aufgetaucht. Im Jahre 1915 bekamen sie das Recht, eine
eigene Fahne innerhalb des islándischen Territoriums zu fiihren. Die Forderung
nach einer iiberall gúltigen eigenen Handelsflagge brachte dann auch die Unions-
frage wieder in Gang. Eine neue Kommission von 4 Dánen und 4 Islándern
wurde eingesetzt, die vom 1. bis 17. Juli 1918 in Reykjavik tagto und einen
Entwurf der dánisch-islándischen Unionsgesetze vorlegte, der sowohl vom is-
lándischen Allding als vom dánischen Reichstag desselben Jahres unverándert
1 Vgl. Betaenkning afgiven af dendansk-islandske Kommission af 1907, Kbh. 1908. 2 Ein
aufsehluBreicher Aufsatz iiber die in dieser Bestimmung zum Ausdruck kommende danischc
Auffassung von Knud Berlin in Dansk Tidsskrift 1907.
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