Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Qupperneq 19
Wiesenlánder seien kurz die Wiesen, Moore, Birkongebusche, Zwergstrauch-
heiden, Moos- und Flechtenheiden angefuhrt. Und doch wird der unbefangene,
geographisch nicht geschulte Reisende, wenn er am kahlen Felsengestade Is-
lands entlang fáhrt, oder wenn er iiber die nackten Sandfláchen und Lavafelder,
iiber die Hochheiden und Steinwiisten des Innern angesichts der Eisdome und
Firnplateaus hinweg reitet, kaum den Eindruck haben, in einem Wiesenlande
zu weilen. Da iiber die Hálfte des islándischen Bodens von Wiisten eingenommen
wird und cine geschlossene Pflanzendecke nur einen sehr kleinen Teil iiberzieht,
scheint diese Begriffsbezeichnung auf den ersten Blick hin hier in der Tat zwar
wenig Berechtigung zu haben. Man muB jedoch beachten, dafi fiir diese Be-
zeichnung das Gesetz und nicht die Abwandlung bestimmend ist. Denn nur dort,
wo die Bedingungen des Bodens, die Wasserverháltnisse und das örtliche Klima
die normalen sind, kann sich eine Wiesendecke entwickeln. Eine weitere Durch-
brechung liegt in der Ausbildung der klimatischen Höhenstufen, die sich iiber
der maBgebenden Fufistufe gelagert haben. So finden wir die Wiesen, Gebiische
und vereinzelten Buschwálder in der FuBstufe, in den Flachlándern und Ta-
lungen des Inselblockes bis etwa 2—300 m ii. M. Dariiber folgen dann als Höhen-
stufen die Heiden-Felsentriftstufe, die Felsstufe und endlich als AbschluB die
Eisstufe, die den Eis- und Káltewiisten der Polarkappen in der horizontalen
Yerbreitung gleichzusetzen ist. Die Grenzen der islándischen Höhenstufen sind
örtlich und nach der geographischen Lage verschieden und im einzelnen noch
nicht eingehend untersucht, mit Ausnahme etwa der Eisstufe. Die Höhe der
Firngrenze liegt am Vatnajökull bei 900—1000 m ii. M. Im Drangajökull im
NW-Land erreichte sie mit ungefáhr 400 m ii. M. ihre tiefste Lage in Island.
Besonders hervorzuheben ist aber die Tatsache, daB die Eisstufe im mittleren
Innerisland erst zwischen 1400—1600 m ii. M. beginnt (Herdubreid, Dyngju-
fjöll, Snæfell u. a.). Diese an sich etwas sonderbar anmutende Erscheinung muB
auf wármere Sommertemperaturen des Innern gegeniiber dem Kiistengebiet zu-
riickzufiihren sein. In der Tat weist — nach den Untersuchungen J. Eythorssons
— das Gebiet nördl. des Vatnajökulls zwischen Dyngjufjöll, Snæfell und dem
Fljótsdalur im Sommer die höchsten Mitteltemperaturen von ganz Island auf
und könnte somit gleichsam als isl. Wármepol angesprochen werden. Die auf
den Meeresspiegel zuriickgefúhrten Monatsmittel Juni—September betragen
dort + 10,5° C.
Islands Oberfláchengestalt (Tafel- und Hochgebirgsland) entsprechend neh-
men die Höhenstufen in ráumhcher Verteilung eine weit gröBere Ausdehnung
als die Fufistufe ein. Der hierdurch hervorgerufene Charakter der unfruchtbaren,
öden Káltesteppen und -wiisten wird obendrein dadurch verstárkt, daB selbst
in der FuBstufe keine geschlossene Pflanzendecke infolge örtlicher Hindernisse,
12*
179