Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Síða 22
Mit einer gewissen Poriodizitat breohen bis zur Gegenwart die Vulkane aus, und nicht
immer verliefen die Naturkatastrophen so glimpflieh wie in den letzten 60 Jahren.
Der 1783 siidwestlich des Vatnajökull tátige Vulkan hat durch seine ausströmenden Lava-
massen, seine giftigen Gase, seine AschenfáUe einem groBen Prozentsatz der gesamten islándi-
sohen Lebewesen den Tod gebracht. AUein 40 Proz. der Bevölkerung hat er das Leben ge-
kostet. Die Gefahr weiterer verheerender Ausbriiehe war damals so groB, daB Dánemark, das
sioh mit Island in Realunion befand, lange Zeit sich ernstUch damit bescháftigte, die ge-
samte restUcho Bevölkerung nach Jiitland zu ubersiedeln. In Verbindung mit der Tátigkeit
der Vulkane stehen die Kohlensáure- und Schwefelexhalationen, die Schlammvulkane und
Geysire.
tlberall auf der reich gegUederten Insel, die fláchenmáBig etwa ein Viertel von Deutsch-
land ausmacht, ringen die aufbauenden und zerstörenden Kráfte auf engstem Raume.
Seit Jahren war unter der etwa 9000 qkm (vgl. Wúrttemberg = 19500 qkm) groBen In-
landeismasse des VatnajökuU ein Vulkanausbruch fálUg. Da leiteten in den ersten Apriltagen
ungeheure Detonationen, begleitet von starken elektrischen Entladungen und Erderschútte-
rungen, den untereisischen Ausbruch ein. Von den náchstgelegenen, etwa 100 km entfernten
Siedlungen aus war inmitten des Gletschers eine máchtige Eeuersáule in den gelben und
schwarzen Rauchschwaden deutUch erkennbar. Selbst in der 260 km entfernten Hauptstadt
war dio Rauchfahne, die bis in die Stratospháre reichte und lange Zeit unheUdrohend tiber den
weiBen Firnen stand, sichtbar. Beinahe auf der ganzen Insel konnte das Ereignis wahr-
genommen werden.
Auf einer Pláche von etwa 4x6 km war, wie sich spáter ergab, die etwa 200 m dicke Eis-
schicht durchschlagen. In einem Umkreis von 16—20 km bedeckte eine 0,6—1—2,5 m tiefe,
zusammenhángende Aschen- und Bimssteinschicht das Inlandeis. Aus dem 60—70 km súd-
lich gelegenen Gletscherrand brachen gewaltige Schlamm- und Wassermassen, zum TeU ko-
chond heiB, hervor, zerrissen den geschlossenen Eisrand und verfrachteten haushohe Blöcke
der berstenden Eisfront auf einer mehr als 10 km breiten Fláche: dicht besát von Eisklötzen
lagen die Schotterfelder und Schwemmsande der sudUchen Schmelzwasser, des Skeidarár-
sandur.
Aus diesen Wirkungen láBt sich auf die GröBe und grandiose Einzigartigkeit dieses unter-
eisischen Vulkanes schUeBen.
Wenn trotz der katastrophalen Verheerungen keine Monschenleben zu beklagen waren, so
Uegt der Grund darin, daB der Nordrand des Gletschers gar nicht, der Sudrand aber nur
áuBerst dúnn besiedelt ist. Zudem waren die gofáhrdeten Bauern durch die starken Veránde-
rungen in der Wasserfúhrung dor Flússe rechtzeitig gewarnt worden.
Drei Expeditionen haben seitdem den ICrater erreicht:
1. eine islándische im April 1934. Sie war von dem bekannten islándischen Bergsteiger und
Bildhauer Gudmundur Einarsson untemommen worden;
2. eine dánische im April/Mai unter Leitung von Dr. Niels Nielsen, Kopenhagen;
und um es vorweg zu nehmen
3. eine deutsche im August desselben Jahres, bestehend aus Dr. Ernst Herrmann, Berlin,
Wilhelm Sehneiderhan, Laupheim, upd dem Verfasser.
„Drei Tage und drei Náchte“, erzáhlte G. Einarsson, „hing ich am Telephon, um Leute
in Island zu finden, die mit mirden VorstoB zum tátigen Vulkan untemehmen wollten. Selbst
als ich erklárte, daB ich die gesamten Kosten auf mich nohmen werde — niemand war
bercit.“
Als wir Einarsson fragten, was er dort oben ftir besondere Interessen habc, da láchelte er
— mit Recht láchelte er.
Wir sind in unserem Leben immer gezwungen, Interessen zu verfolgen, weil uns das Leben
eine wirtschaftliche Frage ist. Es árgerte mich, daB wir so zivilisiert fragten. Drei Monate
waren wir nun im Norden Lapplands gewesen, in dem Land der schwarzen Wálder, der un-
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