Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Page 28
Stefan, der Alte, reitet voraus. Mitunter dringt seine silberhelle Stimme durch die Nacht:
„Achtung, Quicksande!“ Immer gleitet sein wachsames Auge zu Mann und RoB. Im Ge-
fuhle der nahen Geborgenheit ebben Energie und Wachsamkeit zuriick. Im Halbschlaf bin
ich mehr als einmal beinahe vom Pferd gesunken. Der Alte lachelt mit seinen diinnen Lip-
pen und weist nach dem Himmel. Sternklar und frisch ist die Nacht geworden. Ein schwa-
ches Nordlicht flackert am Himmel. So friih im Jahre ? „ Ja“, nickt Stefan, „es gibt einen
kalten, schneereichen Winter.“
Da kommen wir an die Djupá. In 5—6 Hauptarmen und einer ganzen Reihe kleinerer
Wasseradern fiihrt sie iiber mehrere Kilometer breite Geröll- und Sandflachen ihre
reiBenden Schmelzwasser nach dem nahen Meere. Lichter auf der anderen Seite ? Das ist
Kálfafell. Vier Stunden waren wir wieder im Sattel, noch eine — dann sind wir driiben,
daheim!
Ein Ritt durch die siidlichen Schmelzwasser des Vatnajökull gilt als das Tollste, was ein
Islánder in dieser Beziehung leisten kann. Stefans Pferde aber sind die besten Wassergeher.
Mit ihnen können wir den tJbergang wagen.
Hier iibernimmt der Sohn die Eiihrung. Vorsichtig sucht er die Eurt ab. Wir folgen je zu
zweien, die Pferde eng gegeneinander gepreBt. So halten sie sich mit vereinter Kraft am
ehesten gegen das reiBende Wasser. Wir waren gewártig, jeden Augenbhck samt den Pfer-
den fortgerissen zu werden. Aufs áuBerste miissen sich die tapferen Tiere anstrengen, aber
sie halten aus. Immer wieder kommen sie durch. Eiinf Viertelstunden dauerte der Ritt durch
das Wasser und die máchtigen, angeschwemmten Schotterbánke. Nun verabschiedet sich
der Sohn von uns. Er hat uns hierher begleitet, jetzt muB er noch einmal durch das Wasser,
denn er wohnt driiben im Raudaberg (Roter Berg). Er kann es allein wagen, er hat das
stárkste Pferd. Der Vater verfolgt ihn mit seinen klugen Augen. Heute noch steht dieses
Bild hingebender Kraft und Treue lebendig vor mir: des Alten Pferd steht wie angewurzelt,
heimwárts gerichtet. Er selbst sitzt hoch aufgerichtet im Sattel. Sein weiBer Bart fliegt im
Winde. Die eine Hand am Ziigel, die andere auf den Riicken des Pferdes gestiitzt, so schickt
er den Blick riickwárts gegen die reifienden Wasser, bis der Sohn in Nacht und Nebel seinen
Bhcken entschwindet. Seit 24 Stunden sitzt der Brave mit seinen 72 Jahren im Sattel,
ohne ein Zeichen von Ermiidung, immer einsatzbereit fiir uns alle.
Stille Bewunderung und tiefe Dankbarkeit empfinden wir diesen Mensehen gegeniiber,
Menschen in dem schlichten Gewande der Bauern, aber mit der Gesinnung der Könige. Un-
verfálscht sind sie, frei und stark, herb und hart wie das Land, dem sie angehören!
Die Stellung des islándischen Gesandten inKopenhagen
innerhalh des diplomatischen Korps
von Dr. Ragnar Lundborg
Die Erage nach der Stellung des islándischen Ministers in Kopenhagen innerhalb des diplo-
inatischen Korps ist von nicht geringer Wichtigkeit. Ich habe daruber sehr verschiedene
Ansichten gehört.
Island hat laut Bundesabkommen mit Dánemark vom Jahre 1918 seine eigene AuBen-
politik. Das geht aus seiner Souveránitát und seiner Neutrahtát hervor. Im § 7 des Abkom-
mens wird deutlich betont, daB Dánemark im Auftrage Islands1 dessen auswártige Ange-
legenheiten wahrnimmt. Es handelt sich also um ein Kontraktverháltnis, durch welches fiir
eine Anzahl von Jahren Vollmacht fiir die Wahrnehmung gewisser Angelegenheiten erteilt
1 Dánisch: „PaaIslandsVegne“; islándisch: ,íumbodi I>css“ (Islands).
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