Mitteilungen der Islandfreunde - 01.03.1935, Side 36
islándischen Siedlung durch Ingolfur Arnar-
son und Hjörleifur Hrodmarsson im Jahre
874 berichtet, spiirt der Dichter G. G. die
Stelle auf, aus der seino Phantasie und seine
Kimst wie aus einer unscheinbaren Keimzelle
zwei Menschenbilder entfalten kann, deren
Sein und Schicksal den menschhchen und als
Auswirkung dieses menschhchen auch den
politischen Anf ang der islándischen Geschich-
te macht: „Als Ingolf den toten (von soinen
eigenen fremdstámmigen Sklaven erschlage-
nen) Hjörleif sah, sprach er: „Welch ein klág-
liches Ende fiir einen so wackeren Mann,
durch Knechte umzukommen, und so sehe
ich es jedem ergehen, der nicht opfern will.“
Der götterfromme Ingolf, der seine Hochsitz-
pfeiler iiber Bord wirft, um sich von den Göt-
tern den Ort der Ansiedlung bestimmen zu
lassen und der götterlose Hjörleif: aus dem
einen wird unter des Dichters Hand der im-
mer schweifende und unruhige, tollkiihne und
gliickhafte Wikinger, von flackernder Liebe
und flackemdem HaC besessen, zersprengt
von seinen eigenen Kráften — der ewige See-
fahrer, der von innen her zugrunde geht, als
er seChaft werden soll; bei dem anderen wird
seine opferbeflissene Frömmigkeit nur der
höchste Ausdruck seiner inneren Ruhe und
Bestándigkeit, seiner klugen tlberlegung und
sittlichen Klarheit, die das Notwendige tut
und das Zerstörende meistert. Ingolf ist
der háuptlingshafte Bauer, geschaffen, um
aus einem neuentdookten Stuck Erde ein
neues Stiick Mensehenland zu machen. G.
G.s Darstellung láOt diese beiden Gestalten,
denen zwei mit gleicher Kunst gezeichnete
Erauen zur Seite stehen, so herauswachsen
aus der bunten Bewegtheit des groGbáuer-
lichen Lebens, der Peste, Eehden, Wiking-
zuge und Seefahrten, daG sie zu dauernd giil-
tigen Verkörperungen menschlicher Wesen-
heiten werden — nordischen und insonder-
heit islándischen Menschentums. Es gehört
dazu der salzige Meerwind, der das ganze
Buch durchweht, der kráftige Erdgeruch und
die wie mit Silberstift umrissene Landschaft
der jungfráuhchen Insel.
Diese Leistung ist ganz und gar ein Erfolg
der oben gekennzeichneten Haltung des
Schriftstellersdem Stoffgegenuber. Vorallem
entgeht er auch hier der Gefahr, diese Bilder
eines zwar ndcht primitiven, aber urspriing-
Uchen Menschentums mit aUerhand moder-
ner Psychologie zu belasten. Dafur iiber-
kommt einen allerdings manchmal das Ge-
fuhl, daG dieser bewuCte, úberlegene Ab-
stand vom Stoff auf Kosten einer inneren
Verbindung zu diesem Stoff geht, die not-
wendig ist.um dem Ganzen seine durchgehen-
de innere Tiefe zu geben. R. P.
Gfunnar Gunnarsson: Im Zeichen Jörds.
Verlag Albert Langen/Georg MiiUer, Mún-
chen 1935.
Wie in den meisten Búchem Gunnar Gun-
narssons sind auch in diesem seinem letzt-
erschienenen Mensch und Erde schicksalhaft
einander verpfUchtet. Hier scheint derMensch
besonders stark im Zeichen Jörds zu stehen,
im Zeichen der Göttin Erde: Es ist die Rede
von der ersten und zweiten Geschlechter-
folge jener norwegischen Háuptlinge, die auf
Island festen EuG faCten, und da ist es einer
Volkwerdung Glúck oder Unglúck, ob der
Tráger und Eúhrer der Bauern es vermag, der
Stimme des Blutos zu lauschen, das Gefúhl
der Verantwortung in sich zu spúren und zum
Dienst an der gewonnenen Erde aufzurufen,
Bindungen zu schaffen, um so der Erde Segen
zu bannen.
Wáhrend eines Menschenalters seit der er-
sten Landnahme sind die Siedler aus dem
Mutterlande nachgedrángt. Gehöft steht ne-
ben Gehöft. Mit der Grenzziehung, mit der
ungleichen Beschaffenheit der Erde kommt
Streit und Neid unter die Menschen, eine Blut-
tat geschieht, sie fordert Súhne, die Zersplitte-
rung unter den Menschen, die eines Gedankens
willen herkamen, wáchst. Thorstein, der Be-
dáchtige, Kluge, der manchem Islánder nicht
sohnell genug im EntschluG, der aber stets
das Richtige im richtigen Augenblick wáhlt,
spúrt seines Vaters, des Erstsiedlers Ingolf,
Vermáchtnis in sich weiterleben. Immer wie-
der reitet er als oberster der Goden ins Land
hinein, von Hof zu Hof, um die Bauem zu-
rtickzufúhren aus Einzelhandel und Zersplit-
terung, die schon dazu gefúhrt, unseligo Ein-
zelthings zu schaffen, zu einer Idee. Múhsam
ist diese Tat, aber sie gedeiht: Wir sehen, wie
ein Volk sich formt, wie der Ereistaat sich
dem Allding unterstellt, wie Kraft und Segen
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