Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Side 34
um zu sehen, welchem Erwerbszweig diese vom Lande gekommene Bevölkerung sich
zum gröBten Teil zugewandt hat: der Fischerei.
Die Gliederung der Ausfuhr in landwirtschaftliche und Fischereiprodukte bringt
diese Entwicklung ebenfalls in aller Schárfe zumAusdruck. Im Jahre 1919 war der
Anteil der Fischereiprodukte an der Gesamtausfuhr 66,8%, im Jahre 1925 ist det
Anteil auf 85% gestiegen. Im Jahre 1928 ist er weiter auf 88% und im Jahre 1930
auf 91% angewachsen. Diese Zahlen zeigen mit groBer Deutlichkeit die immer grölief
werdende Vorherrschaft der Fischerei, aber sie zeigen noch mehr. Wenn man die
Konjunkturempfindlichkeit der islándischen Wirtschaft beachtet, dann bedeuten
diese Zahlen, daB Island immer mehr in die Lage der Monokulturlánder gesetzt wird,
die auf die Ausfuhr und die Absatzmöglichkeit eines einzigen Erwerbszweiges an-
gewiesen sind. Mit diesem wachsenden Anteil der Fischereiprodukte an der Gesamt-
ausfuhr wird die Möglichkeit fur die Befriedigung einer ganzen Keihe von Bedurí-
nissen des Volkes davon abhángig, ob der Markt fiir diese Produkte gut oder schlecht ist.
Praktisch durfte es sehr schwer sein, zahlenmáBiges Beweismaterial dafur zu bringen,
daB diese eben geschilderte Entwicklung der islándischen Volkswirtscliaft in der gegen-
wártigen Krise geschadet habe. Theoretisch dagegen dflrfte einleuchten, daB ein
Land, dessen Ausfuhr zu 90% aus den Produkten eines Erwerbszweiges besteht, den
Gefahren einer schlechten Konjunktur in höherem Grade ausgesetzt ist, als ein Land,
dessen Ausfuhr vielseitiger ist. Es genflgt hier, an die gegenwártig schwer bedrángte
Lage der flberseeischen Rohstofflánder, die bekanntlich vor allem auf die Ausfubí
von einem oder wenigen Produkten angewiesen sind, zu erinnern.
Wir haben die Behauptung aufgestellt, daB die Wirtschaftskrise von auBen her
flber Island gekommen sei. Ehe aber dazu flbergegangen wird, zu zeigen, wie die
Symptome der Weltkrise sich allmáhlich auf die islándische Volkswirtschaft aus-
gewirkt haben, muB auf eine Entwicklung hingewiesen werden, die von aller-
gröBter Bedeutung för die islándische Wirtschaft geworden ist. Es ist dies ein Vor-
gang, der fflr Island vorteilhaft ist und der der islándischen Wirtscliaft eine gewisse
Stabilitát und eine Gegenkraft gegen die Krise gegeben hat. Es handelt sich um eine
gewaltige Verschiebung der Nahrungsmittelnachfrage in der Welt, und zwar weg
von Korn- und Getreidekonsum zu Fisch, Fleisch und sonstigen Produkten der Ver-
edel u ngswirt schaf t1.
Im Jahre 1928 war die Weltproduktion an Fleisch 20% gröBer als im Jahre 1913-
Die Gesamtbevölkerung der Erde ist aber inzwischen nur um 10% gewachsen. Ein
Beweis fflr die gröBere Nachfrage nach Fleisch2.
Diese Entwicklung ist fflr die islándische Wirtschaft nur vorteilhaft und verbörgt
selbst in einer Krise wie der gegenwártigen eine gewisse Stabilitát.
Nach der Struktur und Beschaffenheit der islándischen Wirtschaft muBte die Welt-
wirtschaftskrise sich erst auf die islándische Ausfuhr auswirken; von hier aus nahm
dieses ganze Unheil auf Island seinen Gang. Die Kaufkraftschrumpfung, der all-
gemeine Preissturz und die anwachsenden Absatzschwierigkeiten auf den islándischen
Auslandsmárkten, konnten nur nachteilige Wirkungen fflr das Erwerbsleben auf
Island haben. Die verminderten Erlöse fflr die islándischen Produkte, durch den
Ruckgang der Preise verursacht, fanden ihren Niederschlag in einer Verminderung
der islándischen Kaufkraft. Der gleichzeitige Preisrtickgang der eingefflhrten Waren
konnte die hierdurch entstandene Spanne nicht ausgleichen. (Die Fertigwaren sind
relativ weniger gesunken.) In diesen letzten Monaten wird diese ganze Entwicklung
noch durch verschiedene wirtschaftspolitische MaBnahmen der Abnehmerlánder
1 Nach Berechnung des „United States Department of Commerce" ist der Verbraucb
an Weizen in den Vereinigten Staaten pro Kopf der Bevölkerung wie folgt gewesen:
Im Jahre 1909: 209,7 Lbs.; igig: 195,5 Lbs.; 1929: 175,2 Lbs. s In England hat
der Kopfverbrauch sich wie folgt entwickelt: Beef: 1913: 22,2 Lbs.; 1928: 22,r Lbs.
Bacon and ham: ^9^3: ^3,7 Lbs.; ^928: 23,r Lbs. Statistical Abstract.
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