Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Blaðsíða 6
komik hiniiber. Noch mehr darf man bei der Thorsgestalt im Graubarts-
liede von gemiitlicher Charakterkomik reden. Dazu tritt aber hier, in
Áufierungen des schlagfertigen Gegners, ein Form- und Wortwitz feiner
Art. Satirische Komik wird man der Lokasenna zuerkennen, doch von der
scherzhaften Gattung, ohne sittliche Entriistung oder Besserungswillen
von seiten des Dichters. Einzelne der Gestalten treten durch die eignen
Reden und die Antworten Dokis in ein ergötzliches Dicht, also wieder Clia-
rakterkomik.
Solche liegt zugrunde den zwei spáten Bliiten der Kleinkunst, den Geiz-
hals- und den Völsistrophen. Beidemal sind wir in der unadeligen Duft,
die zum iiberlegen-humorvollen Blicke einládt. Auch die paar schalkhaften
Klánge in den zwei álteren Sittengedichten fliei3en aus dem behaglichen
Spott iiber das Allzumenschliche. Die Heidreksrátsel, so vielseitig auch
in ihrer Stimmung, bringen einen niedlichen Vertreter der subjektiven
Komik in der Strophe von den saugenden Ferkeln: das Vornehme ver-
kleidet der Rátselmann ins Niedrige; nach der Artbestimmung des ,Witzes‘
erspáht er die Áhnlichkeit des Ungleichen. Wenn endlich der grönlán-
dische Atlidichter mitten in seinem schwerbliitigen Ernste dem armen
Kesselhiiter einen grimmig-lácherlichen Augenblick abgewinnt, wirkt
wieder der Gegensatz des Gemeinen zum Adligen.
Die Schalkhaftigkeit, die in Snorris Nacherzáhlung der Mythen mehr-
mals durchblinzelt, ist wahre Ironie. Er nimmt die göttlichen Dinge nicht
uberall ernst; er lá!3t uns leise merken, da!3 er drubersteht und dazu láchelt.
Ganz ohne Widerhall fur das volkstúmlich Muntre seiner Stoffe ist der
Nacherzáhler Saxo. Was diese Heldenromane an Uustigem oder Witzigem
(Amlethus) bargen, verwandelt sich bei ihm in die durchgehende Stim-
mung, das gedunsene Pathos.
Unter den islándischen Sagas sind die Familiengeschichten am reichsten
an Komik. Aus der Menge der Königssagas hátte man wenig anzufúhren,
darunter freilich ein paar Perlen: wie der Sveinki von der Götaelf auf dem
Dinge dem Gesandten des Königs herausgibt (Morkinskinna 136 fí.), ein
gutes Beispiel objektiver Witzigkeit; vor allem die zwei Geschichten der
Islánder Sneglu-Halli und Hreidars des Uáppischen (Thule 17,199 ff., 261 ff.).
Beide laben sich wieder an dem Unheldischen und Unhöfischen, das der
Königsgesellschaft zum Anstol3 oder zum Geláchter wird. Wáhrend die
Szenen des Sneglu-Halli ihre Komik gutenteils mit dem Witze der Haupt-
person bestreiten, ist die Hreidarnovelle eine wahre Seelenstudie, wohl
das ausgefúhrteste Stúck von Charakterkomik im altnordischen Schrift-
tum. Man darf hier von Humor im vollen Sinne sprechen; denn einem
Verachteten, scheinbar Geringen wendet der Erzáhler liebevolles Aufmerken
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