Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 102
Jetzt wuBte sie, was sie zu tun hatte, damit der Teufel nicht zu Olöf in das Grab kame,
und Jesus Christus die Möglichkeit hatte, sie zu sich zu nehmen.
Ganz leise stieg sie aus dem Bett, um Gunna nicht zu wecken. Und ebenso leise
schlich sie die Wohnstube entlang in den Raum Olöfs, der jetzt leer war und weckte
niemand. Sie kletterte auf Olöfs Bett, streckte sich nach dem Bort liinauf und nahm
die Passionslieder herunter. Einen Augenblick spater stand sie vorn in der Stube.
Eine Decke war uber den Sarg gebreitet. Klein-Sigga zog sie zuriick. Olöf lag darunter
im Totenhemd. Ihre Hánde waren auf der Brust gefaltet und sahen nicht mehr blaurot,
sondern blauweiB aus. Klein-Sigga furchtete sich nicht vor ihnen.
Sie legte das Buch auf die Hánde.
Die Fruhlingssonne war aufgegangen. Sie schien durch das Fenster auf Klein-Siggas
blonden Kopf und auf Olöfs weiBe Hánde. Denn Gott láBt seine Sonne scheinen úber
Gute und Böse.
-----Gunna fuhr im Bett zusammen, als Klein-Siggas eiskalte FúBe sie berúhrten,
wurde abernicht ganz wach. Oh, wiewar es doch schön fúr Klein-Sigga, wieder in die
Wárme zu kommen!
Und nun schlief sie sanft mit der Puppe im Arm.
Ubersetzt von Dr. Maria Dicrking, Hannover-Linden
XIX. ABSCHLUSS DER SAMMLUNG THULE
Als der Verleger Eugen Diederichs auf seiner Fahrt nach Island 1910 den
Plan fafite, die altnordische Literatur in einer Sammlung zusammen-
zufassen, schwebte ihm bei der Grofiziigigkeit, die er in allen seinen Unter-
nehmungen zeigt, der Gedanke vor, etwas Grofies und Ganzes zu schaffen,
wie es der deutsche Biichermarkt noch nicht aufzuweisen hatte. Dafi die
Ausfiihrung dieses Vorhabens 20 Jahre in Anspruch nehmen wiirde, hat
er wohl damals selbst nicht gedacht; dabei mufi man aber sagen, dafi fiir
das Geleistete die Zeit der Ausfiihrung als sehr kurz bezeichnet werden
mufi, wenn man bedenkt, welche Hemmungen selbstverstándlich der Krieg
und seine Nachwirkungen auch hier mit sich bringen mufite. Einzeliiber-
setzungen von Schriftwerken der nordischen Literatur gab es natiirlich
vorher auch; auch Sammlungen waren versucht worden; aber die Ein-
heitlichkeit, der grofie Rahmen und nicht selten auch die wirkliche Be-
herrschung des Stoffes bei den Ubersetzern fehlte. Diederichs hat die ersten
Fachleute beigezogen und die Leitung des Ganzen einem anerkannten
Meister, Professor Dr. F. Niedner, iibertragen. Damit war dafiir gesorgt,
dafi bei der Wahl der Mitarbeiter keine Mifigriffe vorkamen. Man braucht
nur darauf hinzuweisen, dafi unter den Ubersetzern aufier dem Leiter des
Unternehmens, Namen wie Andreas Heusler, Gustav Neckel, P.Herrmann,
W. Vogt, W. Baetke u. a. zumeist mehrere Bánde beigesteuert haben.
Die Neigung zur nordischen Literatur und dasBediirfnis, etwas Ordent-
liches davon zu erfahren, war in Deutschland immer deutlicher hervor-
getreten. Aber es liegt nun eben nicht so, dafi ein einfaches Nimm und
lies geniigt: die Abstánde der Jahrhunderte und die besondere Eigenart
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