Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Blaðsíða 18
d. h. das was die Saga nicht erzáhlt und die Mittel, deren sie sich nicht
bedient, ist dabei nicht weniger aufschluGreich als der positive.
Neckel hebt in seiner Charakteristik der Saga die klar beleuchteten
Schauplátze hervor. Tatsache aber ist, dafi die Saga weder Landscbaften
schildert noch iiberhaupt iiber Örtlichkeiten und Schauplátze Angaben
macht, die zur Veranschaulichung dienen. Der Hinweis darauf, daB ihre
Begebenheiten sich in einer Welt abspielen, die als allgemein bekannt vor-
ausgesetzt werden konnte, reicht zur Erklárung nicht aus. Schon die gro-
13en Islándersagas, deren Handlung sich iiber verschiedene Eandesteile
erstreckt, konnten diese Voraussetzung kaum machen, noch weniger die
in Norwegen oder anderen Eándern spielenden Geschichten, die doch in
dieser Beziehung sich genau ebenso verhalten. Öbrigens aber spielt das
Moment der Bekanntheit fiir die kiinstlerische Verwertung und Behandlung
eines Gegenstandes keine Rolle. Es ist darum wichtig festzustellen, da!3
die Eandschaft kein Gegenstand der Sagakunst ist.
Diese Feststellung láfit sich aber, wie gesagt, auf die ráumliche Um-
welt iiberhaupt ausdehnen. Die Saga kennt kein ,,Milieu“; sie be-
schreibt weder direkt noch indirekt, sie löst auch nicht Beschreibung in
Handlung auf. Sie ist in dieser Beziehung völlig unepisch. Die Um-
welt wird in ihr vorausgesetzt, aber nicht mit in die Erzáhlung hinein-
gearbeitet, so daJ3 sie neben den Vorgángen eine gleiche oder auch nur
mindere Bedeutung hátte. Auch in solchen Szenen, wo dem Schauplatz
eine verháltnismáfiig wichtige Rolle zufállt, wie etwa in der Mordnacht
von Saebol (Gislasaga) oder dem Úberfall in Hlidarende, beschránken sich
die Angaben auf das, was zum Verstándnis der Vorgánge unmittelbar wich-
tig ist. Sátze wie diese: „Vom Hofplatz aus konnte man in den Kuhstall
kommen", oder: ,,Im Hof Hlidarende waren Gánge oberhalb der Hof-
mauer", die fast schon das Áufierste an direkter Mitteilung iiber Örtlich-
keiten darstellen, sind doch, im Zusamnrenhang der Stelle, in der sie stehen,
nichts weiter als in Satzform gegebene lokale Bestimmungen zu den Aus-
sagen, die unmittelbar auf sie folgen. Ein Gesamtbild zu geben, den Schau-
platz vor uns aufzubauen, liegt dem Erzáhler fern. Man kann sicher sein,
da!3 jede Angabe iiber Zustándliches friiher oder spáter in einer Begeben-
heit Verwendung findet (vgl. Heinzel, Beschreibung der islándischen Saga,
S. 276 ff.). Was rechts und links vom Geleise der Handlung liegt, bleibt
imsichtbar. Es ist z. B. ausgeschlossen, da!3 bei der Beschreibung eines
Rittes irgend etwas Gegenstándliches, das in den Gesichtskreis des Reiters
fállt, etwa eine weidende Schafherde, um seiner selbst willen und ohne daJ3
sich ein Vorfall daran kniipft, erwáhnt wird. Der Erzáhler sieht sozusagen
den Menschen nur im Flusse der Handlung, d. h. in der Zeit und nicht im
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