Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Blaðsíða 20
Gegenstand ist, mit Goethe zu reden, der Mensch. Sie ist ausgesprochene
Charakterdichtung. Die Höhepunkte der Geschichten sind iiberall die
Stellen, wo Seelisches, das unter der Oberfláche geströmt, gelauert, sich
gestaut hatte, zutage tritt, Wort oder Tat wird. Die áuBere Handlung
ist Mittel zu dem Zweck, Seelisches zu offenbaren. An diesem haftet das
Interesse, es gibt der Geschichte die Spannung, den eigentlichen Gehalt.
Daher kommt es der Saga nicht so sehr auf den Verlauf, den áuBeren Zu-
sammenhang, als auf die einzelnen Situationen an. (Wenn Morsbach ein-
mal von Shakespeare sagt: ,,Es sind die Ereignisse und Situationen, in
und an denen die Charaktere sich entfalten, nicht aber erscheinen die Er-
eignisse und Situationen immer als eine notwendige Folge der Charakter-
anlage", so scheint mir das ganz auf die Islándersaga zu passen.) Was von
ihr als wesentlich im Gedáchtnis bleibt, sind Szenen, Momente voll seeli-
scher Hochspannung oder kraftvoller Entladung. Und selbst wenn der
FluB des wesentlichen Geschehens in den Seelen der Menschen unterirdisch
fortströmt, wáhrend an der Oberfláche die áuBeren Begebenheiten weiter-
gehen, wie in der Eaxdoela, ist der innere Blick des Eesers um so mehr in
die Tiefe gerichtet, und die Welt des áuBeren Geschehens erscheint wie
eine durchsichtige diinne Fláche, durch die man den Strom der verborgenen
Leidenschaften zu spiiren meint.
Hierzu scheint es nun in einem merkwiirdigen Widerspruch zu stehen,
daB die Saga iiber das seelische Geschehen, die inneren Vorgánge der han-
delnden Personen unmittelbar so gut wie nichts aussagt. Unter allen Merk-
malen ihres Stils ist dies vielleicht das auffallendste. DaB ,,die Menschen-
zeichnung mit direkten und indirekten Mitteln hoch ausgebildet" ist, wie
Neckel sagt, kann niemand bestreiten; es ist der besondere Ruhmestitel
der Saga. Fiir uns aber ist wichtig, in welchem MaBe sie von diesen Mit-
teln Gebrauch macht. Der Erzáhler ist ja an sich fiir die Charakterisierung
der Personen besser daran als der Dramatiker, sofern er das, was aus ihren
ÁuBerungen und Handlungen selbst nicht hervorgeht, uns direkt mitteilen
kann. Wir billigen ihm, auch ohne daB er seine Befugnis besonders nach-
weist, das Recht zu, iiber die geheimsten seelischen Vorgánge seiner Per-
sonen Auskunft zu geben, auch iiber solche, die den anderen Personen der
Geschiclite unbekannt bleiben und iiber die der Mensch, um den es sich
handelt, iiberhaupt niemals sich zu irgend jemand aufgeschlossen hat.
Immerhin bestehen unter den Dichtern wesentliche Unterschiede in der
Geneigtheit, sich dieser Freiheit zu bedienen, und eine Klassifikation der
epischen Diclitungen von Homer und der Edda bis zu Thotnas Mann unter
diesem Gesichtspunkt könnte selir aufschluBreich sein. Die Saga wúrde
dabei, wie gesagt, an dem áuBersten Ende dieser Reihe stehen, weil sie an
66