Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 98

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verlieren, jedes zufriedene Lacheln, das um deine Lippen spielen kann. Kreuzigen sie dich nicht, so unterbleibt es, weil sie den Mut dazu nicht haben. — All dies sollst du geduldig und freudig ertragen, weil du die Menschen liebst.“ „LaB mich lieber wieder schlafen," sagte die Seele. „Du bist schwer zufriedenzustellen," sprach Gott. „Solches biete ich sonst nie- mandem. Und das mitleidvolle Antlitz verdiisterte sich, denn der Herr erkannte, daB die Men- schenseele nach dem, was das beste in der Welt ist, kein Verlangen tragt, so selten es ihr geboten wird. „Dann muB ich dir ein anderes Angebot machen," sprach Gott. „Ich gebe dir Ge- walt úber dieMenschen. Ob deine Worte weise oder töricht sind, sollen sie immer ein wunderbares Feuer in sich tragen, das die Herzen der Menschen entzúndet. In welcher Richtung du sie fúhren willst, soll es dir immer gelingen. Sie sollen vor dir auf ihr An- gesicht fallen, so daB ihr Gesicht völlig im Staube liegt. Im Staube sollen sie sich vor dir winden wie die Wúrmer. Wenn du sie am heftigsten schlagst, sollen sie deine GeiBel mit gröBter Inbrunst kússen. Der höchste Wunsch der jungen Leute soll sein, bei dir zu sein, ob du Gutes oder Böses schaffst. Und Mútter, die ihre Söhne in der Welt vor- warts bringen wollen, sollen keinen sehnlicheren Wunsch haben, als daB ihnen deine Gnadensonne leuchtet und du niemals ihre Iíinder körperlich oder seelisch leiden lassest. „Du sollst erhaben sein unter den Menschen." Da warf sich die Seele vor den Thron Gottes, zitternd vor Freude und Dankbarkeit. Wortlos wandte sie sich zur Welt, mit der Schnelligkeit, wie sie nur Seelen eigen ist. Seufzend blickte da Gott ihr nach. „Sie ist doch genau so, wie alle anderen Menschenseelen," sagte er zu sich selbst. „Mit keinem einzigen Worte fragt sie, ob es ihr Gluck sein wird, die verliehene Gewalt zu gebrauchen." — Úbersetzt von Dr. Maria, Dicrfting, Hannover-Linden b) VERGEBUNG Klein-Sigga lag unten im Bett zu FúBen der Magd. Sie zog die rauhe Friesdecke und das dicke, schwere Bett úber den Kopf und drúckte die zerfetzte Puppe an ihr Herz. Wenn sie die Puppe im Arm hielt, hatte sie immer schlafen können. Aber heute wollte der Schlaf gar nicht kommen. Denn Olöf, die Frau des Hauses war gestorben. Traurig war es aber nicht, daB sie nun tot war! Klein-Sigga wenigstens vermiBte sie nicht. Gunna sollte nun Wirt- schafterin werden, das Madchen, bei der Sigga schlief — das hatte diese ihr selbst ge- sagt. Und Gunna war niemals unfreundlich gegen sie gewesen. Sie hatte ihr auch jetzt versprochen, niemals haBlich gegen sie zu sein. Nein, fur Sigga hatte der Tod Olöfs nichts Trauriges . . . Wie unfreundlich war sie doch immer gewesen, oh, so unsagbar unfreundlich! Klein-Sigga wuBte auch, daB Olöf nur in die Hölle kommen könnte. Olöf hatte ihr so oft gesagt, sie kame nach ihrem Tode in die Hölle, wenn sie etwas Schlechtes tate oder Schlechtes sagte. Und Olöf selbst hatte so viel Schlechtes getan und immer so unbeschreiblich háBliche Reden gefúhrt . . . Und jetzt war sie tot . . . Klein-Sigga hatte es bei der Andacht gehört — vielleicht hatte es ihr auch jemand ge3agt, sie wuBte nicht, wer — Jesus Christus sollte gesagt haben, was die Menschen einem seiner geringsten Brúder táten, das táten sie ihm . . . Sie war nun freilich kein Bruder Jesu Christi, das wuBte sie, aber seine Schwester war sie sicherlich. Und es konnte doch nicht besser sein, ein kleines Mádchen zu schlagen, als einen kleinen Jungen — so schrecklich, wie Olöf sie geschlagen hatte. Und sie hatte es doch gewiB nicht verdient . . . Dazu konnte sie nichts, daB die Untertasse zerbrach, als sie die Tassen spulte. Es ging schon ein Sprung durch die ganze Untertasse, sie hatte es selbst gesehen, ehe sie aufwusch. Aber sie hatte den 130
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