Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 22
bewegungen zu direkter Mitteilung (in der Wendung: da wurde er zornig)
stándig gebraucht wird, offenbar nicht so sehr auf den inneren Zustand
als den áuBeren Ausdruck der Erregung, ist also der anschaulichen Grund-
bedeutung nahe geblieben (Falk und Torp 1396).
Der Widerspruch, der zwischen dem realistischen Psychologismus und
der impressionistischen Erzáhltechnik der Saga zu bestehen scheint, löst
sich auf in dem, was man den dramatischen Charakter genannt hat und
auch den dynamischen nennen kann. Der Sagaerzáhler ist kein Psycho-
analytiker; er will keine Seelengemálde entwerfen. Die psychischen Vor-
gánge interessieren ihn keineswegs an sich (daB das damals und schon friiher
auch in germanischer Dichtung wohl möglich war, beweisen angelsáchsische
Gedichte und Eddaheder wie das erste Gudrunlied), sondern nur soweit
sie sich in Handlung umsetzen. Die Handlung, sahen wir, ist nur Mittel,
um seelisches Geschehen zu offenbaren; aber sie ist das einzige Mittel;
seelisches Geschehen gibt es fiir den Sagamann nur so viel, als davon in
Worten und Taten in Erscheinung tritt. Nur soweit er handelt oder irgend-
wie an einer Handlung beteiligt wird, tritt der Mensch uberhaupt in den
Lichtkreis derErzáhlung (was besonders anNebenfiguren deutlich wird, etwa
an dem Grofiknecht Njals). Wir finden daher in der Saga, wie im echten
Drama, kein passives, sondern nur aktives seelisches Leben und Erleben;
auch das Leid muJ3 sich, wie bei Gudrun Osvifstochter, zu Taten verdich-
ten, um erzáhlenswert zu werden. Was sonst in den Tiefen der Brust vor-
geht, mögen wir ahnen und erschliefien; aber, darauf kommt es an, die
Saga sagt nichts daruber. Und man soll, bei allem psychischen Reich-
tum, den sie bietet, nicht verkennen, wie wenig wir infolgedessen iiber
manche Verháltnisse und Zusammenhánge erfahren. Man denke etwa an
das innere Verháltnis Hallgerds und Gunnars, in das vielleicht die eine
Bemerkung, die wir beinahe schon als eine Ausnahme von der Stilregel der
Saga ansprechen mussen, hinunterleuchtet:, .Hallgerd freutesich, als Gunnar
zurtickkam" (nachdem er den Entschlufi gefafit hatte, nicht in die Verbannung
zu gehen) — aber wird es dadurch nicht blofi noch rátselhafter fúr uns ? —
Die hier hervorgehobenen Zúge des Sagastils im Zusammenhang mit
den Formen der anderen Kulturgebiete der Wikingerzeit „wesenschaulich"
zu deuten, wáre eine reizvolle Aufgabe, die hier aber nicht ausgeftihrt,
sondern nur angedeutet werden kann. Die Saga ist, wie wir sahen, eine
Erzáhlkunst, die nicht durch spannende áufiere Ereignisse, verwickelte
Handlungen oder merkwúrdige Situationen wirken will, sondern durch
die Vorfúhrung wertvoller oder doch charaktervoller und als solche in-
teressanter Menschen und deren gegenseitige Beziehungen. Ihr Interesse
ist also wesentlich psychologisch. Aber sie sieht den Menschen nicht als
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