Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Side 2

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II. DAS ALTE HEU von Guðmundur Friðjónsson Guðmundur Friðj ónsson wurde 1869 auf dem Hofe Sandur im Aðaldalur in Nord- island geboren. Auf diesem Hofe wohnt und wirtschaftet er noch heute. Er ist wie so viele Islander im wesentlichen Autodidakt. Von einer groBen Kinderschar umgeben, hat er lange mit bitterer Armut zu kampfen gehabt. Desto höher zu veranschlagen ist sein Drang und seine Fkhigkeit zu umfangreicher geistiger Betátigung und zu einer ungemein reichen literarischen Produktion. Seine Bauerngeschichten záhlen mit zu dem Besten der islándischen Literatur auf diesem Gebiete. Sie geben wesentliche Zfige der schwer zu erfassenden Eigenart des islándischen Menschen. uf dem Hofe Hóll in der Gandschaft Tunga wohnte gegen Ende der /V Regierungszeit König Christians IX. der Bauer Brandur. Er war wohl- begiitert und hochbetagt, als diese Geschichte geschah, — alt an J ahren und alt in seinen Gewohnheiten. Seine Nachbarn glaubten zu wissen, dai3 er sein Scháfchen im Trockenen habe. Etwas Bestimmtes jedoch konnte keiner hieruber aussagen, denn Brandur war verschlossen und ein Eigen- brödler, und in seine háuslichen AngelegenheitenliefS er niemanden seine Nase hineinstecken. Eines aber wuBten alle, die da in der Eandschaft zu Hause waren: Brandur war wohl versehen mit alten Vorráten. Wer an seinem Hofe vorbeiging, dem fiel es in die Augen. Brandur behielt in jedem Fruhjahr in allen Scheunen und Heudiemen etwas iibrig. Dazu hatte er einen riesengrofien Haufen Heu auf demRand des Hiigels, vor dem Hofgang, stehen. Dieses Heu hatte, wohlverwahrt, schon Jahr fur Jahr dort gestanden. Brandur hatte die Miete allmáhlich erneuert, indem er von dem einenEnde etwas wegnahm, wenndasHeu alt zu werden begann, imd im folgenden Sommer dann die Búcke wieder auffiillte. Brandur war seinen Gásten, die in irgendeiner Angelegenheit zu ihm kamen, ein guter Wirt; ftir Unterhalt und Reiseproviant nahm er kein Geld. Aber nur wenige kamen zu ihm und kaum jemand anders als seine alten Bekannten, die gescháftlich mit ihm zu tun hatten. Brandur lieh einigen Eeuten Geld, gegen Unterschrift und Zinsen. Aber nur wenigen vertraute er etwas von seinem Vermögen an; er verlor nie einen Pfen- nig, geschweige denn mehr. Diesen Gescháftsfreunden gab er einen Schnaps, um ihnen etwas zugute zu tun. — Die Gebáude auf Hóll waren dtirftig, und ebenso alles Hausgerát. Keinen Stuhl gab es im Hause, der Boden der Wohnstube war nicht gedielt, und auch ihre Wánde waren unverschalt; nur úber der Bettstatt waren Bretter bis zu den Tragbalken hinauf befestigt. Eine Uhr hing in der Wohnstube, sonst aber war kein Zierstúck zu entdecken. Kundige Eeute jedoch wufiten, daB der alte Mann unter dem Kopfende seines Bettes einen ungewöhnlich groJ3en geschnitzten 60

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