Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Síða 3

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Síða 3
Kasten liegen hatte — „anno 1670“ stand darauf eingeschnitten. — Er war schwer und verschlossen. Und bisher hatte niemand unter den Deckel geschaut. Brandur galt fiir unzugánglich, und so leicht konnte man ihn nicht zu irgend etwas bewegen. Doch verkaufte er allenthalben Uebensmittel aus seinem Hause, wenn Geld dafiir geboten wurde, und ebenso Heu, soweit der Rest in den Diemen reichte. Er gab auch Heu ab, wenn ein Ende der Friihjahrsnöte abzusehen war, und zwar gegen das Versprechen, in Schafen, arn liebsten Hammeln, zu bezahlen. Das alte Heu aber beriihrte er niemals zum Besten seiner Nachbam. So miihte sich der gute Brandur seinen Debensweg entlang, bis er blind wurde; im iibrigen aber blieb er bei guter Gesundheit und behielt unver- mindert seinen Verstand und seine Eigenart. Solange er gute Augen ge- habt hatte, war er gewohnt gewesen, jeden Tag zu seinem alten Heu hinaus- zugehen, um den Haufen herumzustöbern, ilin von oben bis unten zu be- sehen und seine Hánde hineinzugraben. Dies tat er immer, wenn das Wetter ihn nur aus dem Hause lieö. Und diese Gewohnheit behielt er bei, auch als sein Augenlicht erlosch. Noch táglich ging er an den Rand des Hof- hugels und zu dem Heu, betastete es und befuhlte es rundherum. AIs ob er sich vergewissern miisse, daB es immer noch dort stehe, fest wie ein Fels und unversehrt. Und dann tappte er mit den Hánden oben auf den Haufen uud záhlte mit halber Stimme die Rasenstreifen1. Brandur hatte wenig Leute in seiner Wirtschaft; er baute auf altem Grund. Zu dem Hof gehörten Winterweide und Wiesen, und das Heu wurde ganz in der Náhe und ohne Schwierigkeiten gewonnen. Er hatte sich niemals mit einer Verbesserung des Bodens abgegeben, der alte Mann. Zur Mittsommerzeit jedoch nahm er ein paar Tagelöhner und bezahlte sie mit Butter, Talg und eingekochtem Bauchfleisch. Hohen I.ohn wollte er mcht geben, bezahlte aber piinktlich alles, was er ausgemacht hatte. Brandur hatte nur eine Tochter. Zur Zeit dieser Geschichte war sie mit Jón, einem in der Gemeinde ansássigen Bauern, verheiratet. Er war Vorsteher des Bezirksausschusses fiir die Uandschaft Tunga. Seine Erau, Brandurs Tochter, hieö Gudrun. Seit Brandur seine Tochter weg- gegeben hatte, wirtschaftete er mit einer Haushálterin und einem jungen Burschen, den er zum grööten Teil bei sich aufgezogen hatte; man glaubte, er sei ein uneheliches Kind von ihm. Nun kam einmal in Brandurs alten Tagen ein harter Winter mit starkem Frost und schwerem Schnee und mit kurzwáhrendem verderblichem Tau- Die zum Schutze iiber freistehendes Heu gelegt werden. fi» 61

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