Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Qupperneq 11

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Qupperneq 11
tiefer Dunkelheit; doch das Heu drauBen auf dem Hiigel, das sah. er. Er gmg hinaus und dorthin, um es zu befiihlen. Es stand unberiihrt. Gudrun War nicht damit fortgeritten. Er hörte das Knirschen der scharfen Huf- eisen auf dem verharschten Schnee, dort wo sie ritt. Er stand lange und lauschte auf den Hufschlag des Pferdes. — Dann ging er hinein. Er war voller Unruheund ging hin und her; er setzte die Branntweinflasche, die seine Tochter ihm mitgebracht hatte, an den Mund und trank sie in etoem Zuge aus. Den ganzen Tag iiber wanderte er durch die Stube. Er kámpfte mit sich selbst, bis zum Abend. Dann schickte er seinen Ziehsohn nach Brekka, wo Jón wohnte, und liefi ihm sagen, dafi Jón das Heu am náchsten Tage holen möchte;das war Montag. Es sollte alles am gleichen Tage fortgeschafft werden, und kein Fetzen Grassode und kein Graskliimpchen diirfe zuriickbleiben. Aber „schnell wechselt das Wetter in der Duft", sagt ein altes Sprich- Wort. Am náchsten Morgen hatte das Wetter seine Spindel gedreht, der Wind kam von Siiden und die Duft war völlig verándert. Jón schickte keine Botschaft durch die Gemeinde, auch erwáhnte er nicht, dafi das alte Heu jetzt zu haben wáre. Er wollte abwarten, was aus dem Tauwetter wúrde. Am náchsten Tage schon machten das strömende Wasser und die aufgeweichte Schneemasse das ganze Uand ungangbar; und mit jedem neuen Tage brach auch ein neues Stiick Erde auf. Brandur aber lief den lieben langen Tag in seinem Hause herum und fragte, ob man keine Ueute kommen sáhe: „Sollten sie nicht kommen und das Hauflein fortnehmen? Es mufi doch allmáhlich Zeit werden fiir sie, fiir die Deute!“ Es schien ihm daran gelegen zu sein, dafi das Heu nun auch geholt wiirde. Und an diesem Tage ging er nicht ein einzigesMal hinaus zu seinem Heu, um es zu befiihlen. Seitdem bemerkte niemand mehr, dafi diesem Heu seine ganze Uiebe gehörte. Es schien ihm gleichgiiltig geworden zu sein in dem Augenblick, rvo er erlaubt hatte, es wegzunehmen. Brandur hörte im Friihjahr auf, selber zu wirtschaften und iiberliefi den Hof aus freien Stiicken seiner Tochter und seinem Schwiegersohn. Das Heu befuhlte er nie mehr. Er lebte noch manches Jahr bei guter Uesundheit, trank seinen Branntwein bis ans Uebensende und las das Hotteswort mit halblauter Stimme — Psalmen und Stiicke aus der Bibel. Nun ist er heimgegangen zu den Toten. Aber die Erinnerung an ihn bleibt bewahrt, sie steht wie ein Stein in der Wegfurche — ein bemooster, grasbewachsener Stein. Úbers. von R. Prinz 69

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