Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Side 14

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Side 14
daher mehr oder -weniger versteckt und abgeschw&cht. Der als nordisch oder germanisch hingestellte Wagner zeigt nicht viel von nordischer Art. Sein starkstes Werk nach dieser Richtung durfte der „Fliegende Hollander“ sein, angeregt durch eine einmalige zufállige Bekanntschaft mit nordischer Meereslandschaft. Vielleicht wáre Wagners Schaffen nordischer geworden, wenn er den hohen Norden gekannt hátte und die altnordische Literatur studiert hatte, aber er kannte offenbar weder Sagas noch Eddas. (Wohl auch Nietzsches „Zarathustra" hátte nicht biblische Einrahmung bekommen, hatte der sonst stark nordisch eingestellte Verf. den Norden und seine Kunst gekannt.) — Fast nordischer als Wagner erscheint einem der germanisierte Bauernabkömmling Verdi, nicht in seinem Stil, sondern in seinem urspriinglichen lauteren Geist und der unbedingten Aufrichtigkeit. Nordisches findet man manchmal unverkennbar bei Liszt und dann manchmal stárker als bei Wagner. Vergessen darf man auch nicht den Normannensohn Berlioz, dessen kernige Kargheit ebenso wie seine aufbltihende Aufrichtigkeit vielfach nordischen Ursprungs sein miissen. Bei den Russen schimmern auch herbe nordische Elemente durch. Wir kommen dann zu Brahms, der so recht als der nordischste der Ivomponisten betrachtet wird. In der Tat zeigen seine Werke neben denen Beethovens stárkste nordische Ziige. Auch hier hat die Spannung zwischen dem norddeutschen Eigenwesen und dem weicheren Wiener Milieu manchmal eine stárkere Betonung der eigenen Art hervorgerufen. Aber diese Art bleibt an die flache etwas einseitige Art der norddeutschen Landschaft gebunden. Hier wie bei Beethoven ist es auch die Abhángigkeit von Vorbildern, die abschwáchend wirkt. Schumann und die Romantik sind Brahms viel gefáhrlicher geworden als der sonst so oft bei ihm hervorgehobene „Akademismus". Immerhin könnte Brahms ohne Zweifel eine viel nordischere Wiedergabe vertragen, als ihm bisher unter dem Druck des 19. Jahr- hunderts zuteil wurde, d. h. er könnte hárter, herber, verhaltener, keuscher und tiefer ausgelegt werden. — Zu erwáhnen wáre noch Reger, der kulturell auch zum 19. Jahr- hundert gehört und doch auf Bach, Beethoven und Brahms fuBt. Die nordische Eigenart kommt aber hier schwer zum Durchbruch, wie denn das siiddeutsche Ele- ment und der Alkoholismus (sagen wir es ruhig offen) den germanischen Charakter dieses Meisters abschwáchen, was wir, die wir in den Studienjahren uns so sehr fiir Reger begeisterten, heute mit jedem Jahr deutlicher merken miissen. Dieses Ge- stándnis fállt dem Verf. dieser Zeilen besonders schwer, nachdem ihm vieles an Reger liebenswert erscheint und diese Meisterwerke ihm viel bedeuten. Wir kommen nun zu den nordischen Lándern selbst. Diese haben leider ziemlich wenig und unbedeutendes an wirklich nordischer Musik geliefert. Gestehen wir es uns ruhig ein, daB Skandinavien in dieser Hinsicht kaum mehr vorstellt als eine mittel- europáische Provinz. Besonders hinderlich muBte der Umstand sein, daB die „natio- nale Renaissance" in der skandinavischen Musik gerade mit der romantischen Be- wegung zusammenfiel. Die stárksten nordischen Merkmale zeigt hier Grieg und in der Tat bringen seine Werke manchmal eine stárkere nordische Ursprúnglichkeit als die Werke irgendeines anderen Komponisten. Hier wirkt aber auch der romantische EinfluB abschwachend, ferner der Umstand, daB seine Musik sich selten zu einer eigentlichen kunstmusikalischen Komposition úber das Volksliedhafte und Salon- hafte hinaushebt. Die meisten anderen nordischen Komponisten blieben mehr oder weniger in einer provinziell-epigonenhaften Abhángigkeit von auslándischen, manch- mal unbedeutenden Vorbildern, oder von einem volkslaufigen angeblich nationalem Geschmack, der im Grunde gar keine stárkere Eigenart aufweist. Sinding ist nie mit dem Wagnerschen EinfluB fertig geworden. Gade nicht mit dem Mendelssohnschen, nicht zu reden von den kleineren verstorbenen Komponisten Skandinaviens. Um die Heutigen ist es nicht viel besser bestellt. Sibelius gehört als Finnlander eigentlich nicht zur nordisch-germanischen Gefúhlswelt und Atterberg ist ganz in einer Aller- welts-Gebrauchsmusik stecken geblieben. Auch Carl Nielsen blieb zu sehr im Aka- demismus und lehnt sich zunehmend an französische Tendenzen. — Die Ausnahme 72

x

Mitteilungen der Islandfreunde

Direkte link

Hvis du vil linke til denne avis/magasin, skal du bruge disse links:

Link til denne avis/magasin: Mitteilungen der Islandfreunde
https://timarit.is/publication/323

Link til dette eksemplar:

Link til denne side:

Link til denne artikel:

Venligst ikke link direkte til billeder eller PDfs på Timarit.is, da sådanne webadresser kan ændres uden advarsel. Brug venligst de angivne webadresser for at linke til sitet.