Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Blaðsíða 16

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IV. GrOETHE IN DER ISLÁNDISCHEN LITERATUR Am 22. Marz veranstaltete die Universitat Reykjavík zusammen mit dem deutsch-islándischen Verein Germania eine Goethefeier, bei der Professor Dr. Alexander Jóhannesson diese Rede hielt. Als Matthías Jochumsson 80 Jahre alt wurde, bekam er u. a. von den Schiilern .der Lateinschule in Reykjavík ein Telegramm: Goethe wurde den Deutschen gegeben, Den Griechen Homer, Shakespeare den Englandern, Uns Matteus. (Sögubrot af sjálfum mér. Revík, 1922, 456.) In diesen Worten erkennt die junge Generation des 20. Jahrhunderts an, daB Goethe, der groBe Dichter, aus dem Meer der Jahrhunderte aufragt wie Homer und Shake- speare. In allen Schulen der germanischen Welt, wo immer Deutsch gelernt wird, werden Goethes Werke bis auf den heutigen Tag gelesen, voran der Faust, die Ge- dichte und Romane. Þorvaldur Thoroddsen erzáhlt in seinen Lebenserinnerungen (Kphg. 1922, 105): Als ich zur Schule ging, las ich ziemlich viel deutsche Dichtung, vor allem Schiller, Goethe und Heine — und das ist bis heute so geblieben. Jónas Hallgrímsson ubersetzte in seiner Grasaferð (Krautersuche) Schillers Gedicht aus dem Wallenstein: Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn — und dann sagt die Schwester in der Erzáhlung: ,,Du bist gut dran, daB du Deutsch verstehst und es wáre schön von dir, wenn du mir auch etwas beibráchtest. Es qualt mich richtig, nichts von dem zu verstehen, was Schiller und andere in Deutschland geschaffen haben." J ónas Hallgrímsson úbersetzte vor allem Gedichte von Schiller und Heine, ein Goethe- sches Gedicht aber: Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt — das Matthías Jochumsson úbersetzt hat (Ljóðmali III, 209) —, hat ihm zu seinem Gedichte Söknuður verholfen: Man eg þig mey, er hin mæra sól, hátt í heiði blikar; man eg þig, er máni að mararskauti sígur silfurblár1. Dieses sehr schöne Gedicht von Jónas ist weder eine Úbersetzung noch eine Nach- bildung des Goetheschen Gedichtes; Jónas hat von ihm nur die Anregung zu seiner eigenen Dichtung empfangen2. 50—60 Goethesche Gedichte sind ins Islándische úbertragen worden. Wenigen islándischen Dichtern wird die poetische Kunst Goethes so vertraut gewesen sein wie Steingrímur Thorsteinson und Benedikt Gröndal. Steingrímur schrieb einen lebendigen Aufsatz úber Goethe und Schiller in Eimreiðin 1896; dort steht u. a.: „tíber diese geistige Wildsee und Umwálzung des Jahrhunderts erheben sich nun zwei groBe Dichter, die all die anderen weit hinter sich lassen: Goethe und Schiller. Sie sind selber erst erfúllt von diesem Geist (der ,,Sturm- und Drangbewegung") und nehmen teil an jener stúrmischen Fortschrittsbewegung, bis sie Gewalt gewinnen úber all die Auswúchse und Úberschwenglichkeiten und zu reiner dichterischer Schön- 1 Ubers.: Ich denke dein Mádchen, wenn die strahlende Sonne hoch in der klaren Luft glanzt; ich denke dein, wenn der Mond zum MeeresschoB silbern sinkt. 2 Dieses Gedicht von Jónas ist zweifellos an Þóra Gunnarsdóttir von Laufás ge- richtet, seine Geliebte, und nicht an Kristjana Knudsen, wie in der Ausgabe von Jónas’ Gedichten von 1913 angegeben ist. Das Gedicht wird in seiner ursprúnglichen Gestalt zwischen 1829—30 gedichtet worden sein; es findet sich in Jónas’ Aufzeich- nungen, bevor er nach Kopenhagen ging. 74

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