Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Síða 19
^opstocks, Goethes, ölilenschlSgers und spater Heines; Romane, die mit der Saga
nnr zuweilen den Wortgebrauch, nie den Geist gemein haben. Andererseits schöp-
erisches Fortbestehen des Alten, von Rímur, Saga, Lausar vísur bis in die Gegenwart.
Island sucht AnschluC an die Kultur der europáisch-amerikanischen Gegenwart
Jhnd der noch unmittelbar lebendigen Vergangenheit), und diese ISBt sich kurz als
úrgerliche, stadtische Kultur charakterisieren. Dieser AnschluB kommt daher auch
ln Island am deutlichsten in der Stadt zum Ausdruck. Unter den hier angedeuteten
^esichtspunkten möchte ich meine Eindrticke von zwei Wintern in Reykjavík wieder-
Seten. Hier aus der Ferne kann ich natiirlich nur verstreute Beobachtungen bringen,
°hne auf das Werden der Dinge einzugehen.
t>er erste Eindruck von Island ist fiir den, der bei der Ankunft nicht sehr vom
Aetter begiinstigt wird, das Stadtbild von Reykjavík. Dabei ist der Ausdruck Stadt-
&ild schon miBverstándlich, oder jedenfalls bezeichnet er etwas, das dem Beschauer
erst viel spater aufgeht. Man fiihlt sich in eine durchaus koloniale Umgebung ver-
Setzt. „Wie eine Goldgráberstadt," sagte mir ein Student, den ich am Dampfer ab-
^olte. Von der bodenstándigen Bauweise des Landes, dem Stubenhaus mit geschich-
teten Erdwánden und Holzgiebel ist in der Hauptstadt nichts mehr iibrig. Das letzte
Seispiel dieser Art war verschwunden, eine Woche nachdem ich es auf der Platte
festgehalten hatte. Die álteren Hauser sind aus Holz, niichterne kleine Schachteln,
ifsthetisch jenseits von Gut und Böse, wellblechbedacht und oft auch wellblech-
Verkleidet, in dörflicher Weise an den Rand der StraBen gestreut. Aus Bruchsteinen
^atte man nur höchst wichtige Institutionen gebaut: das Alþing und das Gefángnis.
Ziegelbau hat man nie gehabt, in neuerer Zeit ging man vom Holz gleich auf den
Beton iiber. Kurz vor dem Kriege, zu einer Zeit, als man bei uns erst tastend der Auf-
8abe sich náherte, schien in Island ein eigener Stil zur Gestaltung des Stadtbildes
Schon gefunden zu sein. Es entstanden in dem neuen Material weiBe, zinnengekrönte
■^lachdachháuser, die sich nicht schlecht in die Landschaft der sargförmigen Berge
oinfögten und noch heute angenehm klar in dem ungestalten Stadtbilde wirken. Doch
'f'ese Bauten blieben persönliche Leistungen ohne Nachfolge. Denn nun besann man
Sleh auf die stádtebauliche Aufgabe in der Weise, daB man fast alle Fehler nach-
Jhachte, die im Stiden gerade uberwunden waren. Man zierte die Fronten mit mytho-
°8ischen Reliefs, setzte oben auf Gescháftsháuser geknetete Barockverzierungen
nnd umrahmte die Fenster mit klassizistischen Vorsprtingen. Eine einzige, ganz ori-
Kinelle Leistung, das Haus und Museum des Bildhauers Einar Jónsson, blieb ohne
■^achfolge. Erst in den allerletzten Jahren ist der moderne Stil der siidlichen Lánder
anch nach Island gedrungen — aber wahrscheinlich zu spát. Die ganze Innenstadt
lst sclion durchsetzt mit iiberheblichen Kásten in GroBstadtmanier aus dritter Hand,
nnd die moderne Baukunst muB jetzt noch diesen Machwerken gegenilber um ihre
“erechtigung kámpfen. In der Baukunst hat also der AnschluBversuch an die stádtische
■^ultur mit wenigen Ausnahmen nur zu einer eingebildeten Stádtelei gefiihrt.
Ein Böswilliger möchte das gleiche wohl auch von den gesellschaftlichen Lebens-
fornien sagen. Dagegen ist einzuwenden, daB die Vergniigungsfreude, die die Islánder
offenbar schon von der Natur in reichlichem MaBe mitbekommen haben, im stádtischen
eben ein wesentlich sympathischerer Zug ist, als ihre Uberheblichkeit. (Starkes
' OlbstbcwuBtsein wirkt sich positiv in báuerlicher Umgebung aus, es entartet aber
áufjg jn jgj. Enge (jer Stadt.) Der moderne Tanz ist die wichtigste und oft tágliche
ePflogenheit des öffentliclien wie des privaten geselligen Lebens, elegante Kleidung
'aufig die einzige Form, in der eine Dame ihren Geschmack zeigt. Das groBe Vor-
i (' stádtischen Lebens gibt eben der Film, und der versagt meist jenseits von Kos-
,rietik und Roben. Eine geistige, kultivierte Gesellschaft in reizvoller háuslicher Um-
Subung muB sich allmáhlich herausbilden. Ich verspflrte am meisten davon in
reisen, die der jungen bildenden Kunst des Landes nahestehen oder ihr selbst
angehören.
6»
77