Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Síða 22
merkwiirdig treu und wenig verstiimmelt mundlich uberliefert, bis sie im 13. Jahr-
hundert ihre Schreiber, die Sagaschreiber, fand. Ein Merkmal und ein besonderer
Reiz dieser Sagas sind die Strophen, mit denen die Prosa mehr oder minder stark
durchsetzt ist, am stárksten natúrlich die Skaldengeschichten.
Man unterscheidet im Altnordischen ja zwischen eddischer und skaldischer Dichtung-
Die erste ist die einfache, ungekúnstelte, wuchtige Dichtung der Völkerwanderungs-
zeit, die Skaldenpoesie etwas kunstlich Gezúchtetes. Sie erfand verschiedene Arteh
von Strophen, sie war unerschöpflich in oft vielgliedrigen Bildern und Vergleichen,
die in einer Gbersetzung kaum wiederzugeben sind. Ihre Regeln sind schlieBlich in
einer Poetik niedergelegt worden, in der prosaischen Edda, die Snorri Sturluson uO
1223 verfaBte. Die Skaldendichtung in ihren Auswúchsen ist am ehesten vergleich-
bar der Dichtung der Meistersinger, die in ihrer Verfallszeit wie die Skalden in einent
Gewirr poetischer Gesetze erstickten.
Aber nicht von diesen prunkenden Strophen, uberhaupt nicht von der Verskunst
der Strophen soll die Rede sein; sie ist ein Studium fúr sich und nicht immer ein er-
freuliches. Die dichterisclie Begabung eines Volkes in all seinen Schichten lieBe sich
schwerlich daran aufzeigen. Denn, wie gesagt, man muBte alle möglichen Regeln
innehaben. Wer nicht viel reiste oder selten Gaste bei sich sah, hatte Múhe, sich
mit diesen Formeln vertraut zu machen. In den norwegischen Königsgeschichten
(Thule 17, Kap. 24) wird einem Fischer eine sehr bilderreiche Strophe in den Mund
gelegt; als man ihn nach dem Woher seiner Kunst fragt, begrúndet er sie mit seinen
Diensten bei vornehmen Herren. Aber es wird doch selten gewesen sein, daB der
Gefolgsmann diese Dinge seiner Umgebung so vollkommen ablauschte; man wird sie
bei den Zúnftigen suchen mússen; es ist wahrscheinlicher, daB wir es hier mit einer
Unterschiebung zu tun haben; und damit kommen wir zu einem Punkt, der notwendig
erörtert werden muB.
Úber die Echtheit der Strophen in den Sagas herrschen sehr verschiedene Mei-
nungen. Um sich Klarheit zu verschaffen, muB man Sprache und Versform unter-
suchen und darauf achten, wieweit die Strophe mit dem Prosatext harmoniert, ob sie
von ihm beeinfluBt wird oder ob sie ihn umgemodelt hat. Da die Strophen nach múnd-
licher Úberlieferung aufgezeichnet wurden, sind leichte Ánderungen im Text nicht
ausgeschlossen, hie und da auch eine Verpflanzung in einen andern als den ursprúng'
lichen Zusammenhang. Doch ist bei der erstauniichen Worttreue der múndlichen
Tradition eher noch an ein Versehen des Schreibers zu denken. Aber deshalb braucht
noch nicht an der Echtheit der Verse úberhaupt gezweifelt zu werden, auch nicht
bei Nicht-Skalden. Die Begabung des Stegreifdichtens ist ja heute noch in allen
Schichten des islándischen Volkes lebendig.
Von Nicht-Skalden soll hier in erster Linie die Rede sein; denn die dichterische
Begabung als volkliche Eigenschaft auBert sich nicht so sehr in den wohldurchdachten
Versgebilden der berufsmáBigen und namentlich bekannten Skalden, als vielmehr m
den gelegentlichen losen Weisen, den Lausar vísur. Freilich hatten auch die Skalden
an ihnen Teil, aber darúber hinaus jeder Stand, Mann und Weib. Wie gesagt, unter-
steht die Echtheit dieser gelegentlich entstandenen Weisen derselben Kritik wie <he
eigentlichen Skaldenstrophen; aber das Wesentliche ist doch, daB es so etwas úber-
haupt gab. Es geht uns gar nicht so sehr um den Inhalt der Strophe als um die Tat-
sache ihrer Existenz; die hat der Sagaschreiber der múndlichen Tradition entnommeD,
und sie zeigt uns, daB auch der unwissende Mann oder die in ihrer Háuslichkeit mehr
begrenzte Frau den primáren Drang und die Gabe zu dichten hatte.
Von den festgefúgten Skaldenstrophen unterscheiden sich die losen Weisen durch
Einfachheit der metrischen Form und durch spárlichere Bilder und Vergleiche.
Welche Gestalten der Sagas pflegen vornehmlich Strophen in ihre Gespráche eih'
zuflechten oder mit ihnen eine Frage zu beantworten ?
Zunáchst sind es einmal benannte Personen, Könige, Bauern. Meist wird die Strophe
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