Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Blaðsíða 24

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Blaðsíða 24
Zuruckhaltung, die der Frau im allgemeinen Bedurfnis und Pflicht war; es ist kein Beweis dafur, daB sie weniger zum Dichten veranlagt gewesen ware. Auch ihre Lebens- weise schloB sie nicht davon aus; denn die Frau der Sagazeit hatte einen weiteren Be- wegungskreis als nur den háuslichen. Sie lebte in vielen Dingen das Leben der Mánner. mit; sie wurde auf Wiking-Fahrt und oft auch zum Thing mitgenommen, sie hörte, was man in der Halle sprach und war vertraut mit den Begebenheiten auBerhalb ihres Bereichs. So wundert es uns nicht, von der einen oder andern Strophen zu ver- nehmen. Ein Beispiel liefert wieder die Hrolf-Kraki-Saga; Signy, die Schwester der verfolgten Halfdanssöhne, spricht eine Weise, wie Gris und Adils in gesteigerter Gemútsverfas- sung; sie sieht ihre beiden Brúder in Gefahr, entdeckt zu werden; das gibt ihr die Verse ein. — Besonders ergreifend und anziehend in seiner Einfachheit ist das Vers- chen, das Aud sagt (Thule 6), als man ihr erzahlt, ihr Mann Thord wolle sich von ihr scheiden: ,,Mir ist’s lieb, daB ich’s weiB, also verlassen bin ich.” Man nimmt allerdings an, daB es sich hier um ein Zitat aus einem uns unbekannten Lied handelt. Auch bei Steingerds Strophe (in der Kormakssaga) könnte man Zweifel hegen; war sie selbst die Verfasserin oder doch etwa Kormak, der Skalde ? In der Egilssaga (Thule 3) treten zwei dichtende Mádchen auf: Die Jarlstochter S. 126) verwehrt dem jungen Egil ziemlich barsc.h ihre Bank: ,,Was, Gesell, hier willst du ? nie gabst warme Labung Wölfen du der Walstatt. Will allein sein, Kleiner! Sahst nach Raub nie Raben, rechn’ ich, gierig kráchzen. Klirrte es scharf beim Schwertthing, schwerlich warbst du Ehre!” Wenn diese Strophe echt ist, so liefert sie den Beweis, wie gut die Frauen mit skal- dischem Handwerkszeug umzugehen wuBten. Als Egil beim Bauern Armod schlechte Bewirtung erfáhrt (S. 210), springt das Töchterchen, erst 10 oder 12 Jahre alt, auf, und spricht, nachdem ihm die Muttel etwas zugeflústert hat: „Meine Mutter sandte mich zu dir her, Egil, daB zur Vorsicht freundlich, Volksherr, ich dir riete! Hornes Húterin warnt euch: háBlich ist dies Essen. Gáste, bald gibt’s bessres Gastmahl: drum jetzt fastet!” Das Kind ist wohl nur das Sprachrohr der Mutter. Sie darf nicht wagen, offen zu sein; was ihr am Herzen liegt, kommt als kindlicher Unverstand und als Vorlaut- heit verkleidet dennoch zutage. Jeder der Hörer versteht, wie es eigentlich gemeint ist. Sogar ein ganz kleines Kind wird mit einer Strophe eingefuhrt (Thule 17). Asgrim, in der Geschichte von Thorstein Zeltspanner, will seinen neugeborenen Sohn aus- setzen; der aber bittet in einer regelrechten Strophe um sein Leben. ,,LaBt mich, den Sohn, zur Mutter. Mir ist kalt auf dem Estrich. Wo besser wár’s dem Kinde wohl denn an Vaters Herde ? 82

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