Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Blaðsíða 26
wertvolle Sammlung, aber auf Vollstándigkeit hat es bisher nicht geachtet. Man hat
das gesammelt, was sehr alt oder originell oder kiinstlerisch wertvoll ist. Das sind
die alten Funde aus der Sagazeit, alles, was aus dem Mittelalter und den ersten Jahr-
hunderten der Neuzeit erhalten ist, was an beruhmte Manner geknupft, was spezifisch
islándisch ist und was selten ist oder war und merkwúrdig scheint, vor allem aber hat
man die Erzeugnisse des Kunsthandwerks gesammelt und geradezu aufgestapelt,
wertvolle Webe- und Stickarbeiten, Frauensáttel mit sehr schönem getriebenen Mes-
singbeschlag, und noch viel mehr Schnitzerei, an der Island sehr reich gewesen ist:
Kásten und Kástchen vieler Formen, Mangelhölzer, EBnápfe, geschnitzte Seitenbretter
fúr die Betten (zum Schutz gegen Herausfallen), Hornlöffel und anderes mehr. Aber
was der islándische Bauer und Fischer táglich gebraucht und gebraucht hat, was ein-
fach und ohne Schmuck ist, was noch jeder Islánder kennt, das ist nicht gesammelt,
wenn auch dies und jenes davon ins Museum gekommen ist.
Es erscheint manchem banal, auf Vollstándigkeit volkskundlicher Sammlungen
Wert zu legen, sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was Altertums-, Kunst- oder
Seltenheitswert hat. Aber eine solche Sammlung ist nie imstande, ein ehrliches Bild
der Lebensweise und der auBeren Kultur eines Volkes zu geben. Der Stolz eines Volkes
heftet sich allerdings nur an diese Sachen, nicht an die selbstgeschmiedete Sense, das
heimgesponnene Garn und den aus Holz geschnittenen Kúchenlöffel, nicht an die
Formen der Spindel und die Konstruktion des Hausdaches oder an die Verarbeitungs-
weisen von Wolle und Horn. Fúr die Volkskunde ist alles dies aber wichtig, wichtiger als
jene Seltenheiten und Spitzenleistungen, die úber die allgemeine Kulturstufe táuschen.
Der volkskundliche Sammler darf darum nicht nur Kunst- und Raritátensammler,
er muB aucli „Lumpensammler" sein. Noch mehr darf er nicht nur Gegenstánde sammeln,
sondern er muB sich auch tiber ihre Herkunft und Alter, ihre Herstellung und Ver-
wendung, ihre Verbreitung und ihre Bezeichnungen unterrichten. Dies ist der schwerere
Teil. Darum habe ich in Island mehr volkskundliche Studicn getrieben als Sachen
gesammelt. Hierbei wird man unter anderem gezwungen, alle im Lande zur Her-
stellung von Gebrauchsgegenstánden aller Art verwandten Rohstoffe, seien sie liei-
misch oder eingefúhrte, ihre Verwendungsmöglichkeiten und Verarbeitung kennen-
zulernen. In Island sind dies besonders: Holz und Horn, Knochen und Walfischbein,
Eisen und Kupfer, Wolle, RoBhaar und Leder, fúr den Hausbau auBerdem Rasen
und Stein.
Wichtig ist dabei zum Beispiel die Kenntnis der Treibholzarten, die zur Herstellung
von GefáBen und Geráten gebraucht wurden. Am wertvollsten ist das Rotholz (rau-
ðiviður), ein sehr hartes und regelmáBig spaltendes Holz, zuerst rot, mit der Zeit aber
fast schwarz werdend; es scheint dem Mahagoni verwandt zu sein. Zum Drechseln wurde
frúher nur dies Holz gebraucht, wáhrend man zum Schnitzen meist weicheres nahm,
auBer anderen Treibholzarten auch heimische Birke.
Aus dem auBerordentlich harten Walfischknochen wurden dort, wo man ihn hatte
— an groBen Teilen der Kúste —, mancherlei Geráte geschnitzt, zu denen man anders-
wo Holz oder Horn nalim, besonders groBe Nadeln, úber die der gefangene Fisch auf
eine Schnur gezogen wird, verschiedene Teile am Pferdegeschirr und Packsattel,
Löffel und Spindelköpfe (Wirtel). Auch die leiterartige Barte des Walfisches wurde
gebraucht, da sie viel weicher und geschmeidiger ist als das ungegerbte islándische
Leder, und vereinzelt auch Walfischsehnen zum Náhen von Leder1.
Knochen, besonders Schenkelknochen von Schafen, sind viel gebraucht, meist un-
bearbeitet. Sie sind das verbreitetste Kinderspielzeug, man braucht sie zum Auf-
wickeln von Garn, an der Stelle von Schnallen, besonders beim Fesseln der Pferde
— indem man sie an das Ende eines Seiles knotet und durch eine Schleife an seinem
anderen Ende zieht — man macht aus zwei Knochen Zangen zum Durchzielien der
1 Hierzu sind anderswo manchmal Pferde- oder Rindersehnen gebraucht. Die zuffl
Náhen gebrauchte Sehne heiBt seymi.
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