Mitteilungen der Islandfreunde - 01.06.1932, Page 28

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Darum koimte ich auch leider die Reste der letzten alten islándischen Drehbank nicht mitnehmen, die seit dem Tode des letzten Drechslers der alten Schule, Bene- dikt Hermannsson, verwahrlost auf seinem Hofe im Reykjarfjörður (Strandir) lagen. Es ist eine primitive Form der Drehbank, die sonst nirgends mehr vorzukommen scheint. Auch dem Leiter des Reykjavíker Museums, Matthías Þórðarson, den ich auf die Drehbank aufmerksam machte, ist es nicht gegltickt, sie zu bekommen. In solchen Fallen half ich mir damit, die Gegenstánde sorgfáltig abzuzeichnen, auszumessen und zu photographieren. Besonders oft habe ich dies bei der Anlage und dem Bau der Höfe getan: bei den verschiedenen Arten der Schichtung von Mauern aus Rasen und Steinen1, den verschiedenen Formen der hierzu ausgeschnittenen oder gegrabenen Rasenstiicke, der Anlage und Einrichtung der Háuser, besonders des all- gemeinen Wohn- und Schlafraumes (baðstoía) und der Schafstálle und ihrer Verbin- dung mit der zugehörigen Scheune, bei den verschiedenen Dachkonstruktionen und anderem mehr. Im Fnjóskadalur (Nordland) habe ich die alten Teile des Hofes Víði- vellir ganz vermessen. Danach ist in Flamburg das Modell eines islándischen Hofes hergestellt, aber nur des nordlándischen, in den anderen Landesteilen sind Anlage und Bauart anders. Solche landschaftlichen Verschiedenheiten sind es weiter, die der Vervollstándigung der Sammlung im Wege standen und stehen. Sie sind viel gröCer, als man zunáchst vermuten wird. Besonders oft wechseln die Bezeichnungen vieler Gegenstánde; ge- rade dies hatte ich nicht erwartet, weil die Sprache sonst iiberall sehr einheitlich ist und von Dialekten kaum die Rede sein kann. Die stark wechselnden Landschafts-, Erwerbs- und Verkehrsverháltnisse und von ihnen abhángig die ungleichen Wohlstandsstufen haben groBe Unterschiede in Lebens- und Gebrauchsgut geschaffen. Zum Beispiel hat die sehr dunn besiedelte Nordwest- halbinsel infolge der vielen tiefen Buchten eine riesige Kiistenlánge, die reichlich Strand- holz liefert2, so daö hier auch der ármste Bauer ein Holzhaus hat und von hier groBe Teile des öbrigen Nord- und Westlandes mit Booten und Holzgeráten versorgt wurden, wáhrend die Bauern anderswo aus Steinen und Rasen bauen und den Holzgebrauch aufs stárkste einschránken muBten (Holz nur im Giebel und Dachgerust, in den Tiiren und der Verschalung der baðstofa). Die Bewohner der Gebirgskiisten sind fast nur Fischer, die Anwohner der offenen Kiisten und der Binnenseen sowohl Fischer wie Viehziichter, die Bauern der inneren Táler aber nur Viehzuchter. Sehr groB ist auch, besonders heute, der EinfluB der Verkehrsverliáltnisse. In den fur den Verkehr mit der Hauptstadt offensten Landschaften, dem westlichen Súdlande (A’rnes- und Rán- gárvallasýsla) und dem Borgarfjörður, und auch in der Náhe der úbrigen göBeren Handelsplátze sieht man selten noch einen alten Bauernhof mit niedrigen Holz- giebeln und Rasendáchern, und mit ihnen ist sehr viel anderes von der alten Lebens- weise und den alten Sachen verschwunden3. In den abgelegeilen Landschaften aber ist von allem Neuen noch nicht sehr viel zu spúren. Solche wenig beruhrten Land- schaften können dicht neben stark umgewandelten liegen, zum Beispiel der Fnjós- kadalur neben dem Eyjafjörður. Sie liegen parallel zueinander mit einem Abstand 1 Dieser Steinbau ist sehr primitiv; er bindet die Steine nicht mit Mörtel, sondern hilft sich damit, Lagen von Rasensoden einzufúgen, die der Mauer etwas Halt geben. AuBerdem mússen diese Mauern mindestens einen Meter dick sein, um nicht einzufallen. 2 An diesem Reichtum haben aber auch gúnstige Meeresströmungsverháltnisse Anteil, besonders an der am meisten begúnstigten Nordseite der Halbinsel. 2 Vor allem werden hierbei Wolinstube und Kúche stark umgewandelt. Nicht mehr gebrauchte alte Sachen liegen in alten Höfen sehr oft vergessen auf einem Boden oder in einem Vorratsraum. Solche Ráume sind mir darum vielfach sehr gute Fund- gruben gewesen. Wird aber ein alter Hof abgerissen, dann verschwindet dies alles mit ihm. In neuen Háusern habe ich nie alte, nicht mehr gebrauchte Geráte gefunden. 86

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