Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 7

Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 7
zu; er steht iiber dem Spotte der Umwelt und freut sich, in seinem Tölpel den edlen Kern endlich hervortreten zu lassen. Bezeugt der komische Einschlag der Sagas eine Begabung, die damals den Islánder vor seinen Stammverwandten auszeichnete ? Darauf ist schwer zu antworten; bieten doch die nordischen Hauptlande in diesen Jahrhunderten so wenig an volksmáCiger Uebensschilderung. Vielleicht darf man sagen: das Komische als Rohstoff, als Bestandteil des wirklichen Erlebens, fand sich im ganzen Norden, aber der ausgebildete Blick dafiir, die Gewandtheit, diese Dinge erzáhlerisch auszubeuten, war der besondere Vorzug des Sagavolkes. Man wurde sich bewuöt, daö diese ergötzlichen Stellen das Vortragsstuck wúrzten: ein ziemlicher Teil der heiteren Ztige begegnet mehrfach, einiges ist geradezu Gemeinplatz. Die Komik der Sagas hángt zusammen mit dem umfassenden Wirklich- keitssinn dieser lebenstreuen Prosa. Alles ist diesen Erzáhlern zugánglich, das Holie und das Werktágliche, die Eeidenschaft und das Stilleben. Ihre Stoffwahl, ihr Stil im weitesten Sinne, schránkt sie nicht auf einen engen Kreis von Stimmungen ein, wie dies in anderen Gattungen, poetischen und prosaischen, weltlichen und kirchlichen, der Fall ist. Die mittlere Einie des rxrhigen Tatsachenberichtes können die Sagas nach beiden Seiten úber- schreiten, ins Gehobene, Ergriffene wie ins Schalkhafte, Witzige. Wieweit nun die alten Hörer bei den Stellen, die wir als komisch empfin- den, lachten, láchelten oder ernst bheben, stehe dahin. Es wird in den Sagas ziemlich viel gelaclit und ausgelacht; doch können wir nicht erwarten, der Erzáhler bescheinige jeden seiner unmittelbaren oder mittelbaren Witze durch das Eachen der Umstehenden. Dies hat man oft bemerkt: den Humor der Sagas durchwebt an vielen Stellen „tragische Ironie"; es ist ein Galgen- humor, der Schauder so gut wie Spott wecken kann. Darúber hat Arthur Bonus in seinem Islánderbuch verstándnisvoll gehandelt (Band 3, 279 ff.). Iin úbrigen stellt die Saga Beitráge sowohl zur feinen wie zur drastischen Komik; das Mittel der „Úbertreibung" scheut sie nicht. Darin gehen ja einige der herausgehobenen Eddastellen viel weiter; etwas wie das Braut- gelage im Thrymlied oder wie die lebensnmden Geizhálse láge auöerhalb des Sagarealismus! Selten verwertet man das „Unanstándige" zu spaö- hafter Wirkung. Zweimal ist es der harmlose Fall, dafi das Furzen eines Kindes Eachen erregt — doch im Dienste eines ernsthaften Motivs (Thule Ii, 175; 12, 131); zugleich ein Beweis dafúr, dafi man solche Dinge als „objektiv komisch" empfand. Auch das anzúgliche Kinderspiel der Njala weckt „groöes Geláchter" (Thule 4, 41); hier belustigt unter anderem die Kennerschaft der Kleinen im Punkte der ehemánnlichen Pflicht. Einen saftigeren Scherz auf geschlechtlichem Felde ftihrt nur die Grettirgeschichte
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