Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 11
fruchtet (Thule 21, 275 f.) und iiberschreítet den Wirklichkeitssinn unserer
Sagagruppe. Das letzte möchte man auch behaupten von dem einzigen
Fall von Verkleidungskomik, der vermummten Vorladungsfahrt Gunnars
in der Njala (Thule 4, 67 fí.).
Oft fragt man sich wieder, ob der Hergang noch Tachreiz iibte. So wenn
der waffenbeladene Vakr ausgleitet und köpflings in das seichte Strand-
wasser stiirzt, um dort unriihmlich zu enden, „und keiner von ihnen (den
Feinden!) wollte ihm helfen" (Thule 8, 162 f.). Oder bei dem zweimal ver-
werteten Zuge: Einer, den man beim lauten Geldzáhlen jáhlings köpft,
spricht mit abgeschlagenem Kopfe noch die náchste Zahl (Thule 4,389; 6,204).
Die immer wiederkehrenden Auftritte mit den Knechten und Mágden,
die sich irgendwie kopflos auffiihren — ein feineres Beispiel in der Ge-
schichte von Gisli (Thule 8, 79) — sind bescheidene Ansátze zu der folgenden
Art. Nur dient da das Spaliige dem einzelnen kurzen Augenbhck und spinnt
sich nicht aus einem komisch geschauten „Charakter" heraus.
4. Eine Gestalt ist komisch gezeichnet. Charakterkomik. Nie sind es
Hauptpersonen der Geschichte. Solche können witzig sein, wie Grettir,
Skarphedin, der Gode Snorri; aber unfreiwillig lácherlich machen sich nur
Nebengestalten — und zwar nur solche, die aus der Reihe der tapfern Krie-
ger herausfallen: sei es durch Ármlichkeit, Niedrigkeit; sei es durch Prahlerei,
der die Taten fehlen, sei es durch verschámte Feigheit; sei es durch Knauserei
und sonstige „Eítilmenzka". Die Quelle der Heiterkeit ist wohl durchweg
das Uberlegenheitsgefiihl des selbstsicheren Freien, das angesichts dieser
Gegenbeispiele wach wird.
Als komische Nebenfiguren aus der niedern Menschenschicht nehme man
die zauberkundige und Thorgláubige Alte, Grima, die den geáchteten Thor-
mod in Grönland versteckt (Thule 13, 251 ff.); den Narfi, ein wichtigtue-
risches Eítilmenni, mit welchem der Skald Kormak so iibel umspringt (Thule
9, 152. 159 f.). Einer aus der guten Gesellschaft, der sich durch zwei ganz
kurze Rephken als scherzhafter HasenfuB abzeichnet, ist der Rechtsmann
Thorkel in dem einprágsamen Augenblicksbildchen der Havardgeschichte
(Thule 8, 143). Der beste Vertreter des Ruhmredigen, des Miles gloriosus
im Sagagewande, ist der Gisli der Grettla. Ein eleganter Mann; hált auf
feine Kleider und Waffen, tut grofi mit seinen Kriegstaten drauBen im Königs-
dienst. Den gefiirchteten Áchter Grettir abzutun, scheint ihm eine Kleinig-
keit; nur miisse man’s heimlich betreiben, „denn kann sein, dafi er vor-
sichtiger wird, wenn er erfáhrt, dafi ich mich der Sache angenommen habe" !
Mit Behagen fiihrt die Saga aus, wie er vor Grettir Fersengeld gibt und
schimpflich mit Gerten gestrichen in Hemd und Unterhose heimkehrt
(Thule 5, 158 ff.).
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