Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Side 12
Der Prahlhans und Pantoffelheld mit gutem Kern ist der Björn der Njala
(Thule 4, 354 ff.); man hat ihm die Ehre angetan, ihn mit Sancho Pansa
zu vergleichen. Das Feine an dem Zwischenspiel ist, wie der heldenhafte
Kari den Schein wahrt, als habe er an Björn den tapfersten Helfer und
besten Ratgeber, und wie er vor Björns Frau — die den Mann genugend
durchschaut — nur Böbliches von seinen Taten berichtet. Die Nachahmung
dieser drei Rollen in der Geschichte von Thord Unruh (Thule 10, 239 ff.)
hat ihre Verdienste, aber der Humor der Sache ist in dem AufguB diinn
geworden!
Neben dem Björn der Njala ist wohl die gelungenste spaBhafte Figur
der Familiengeschichten der Atli der Havardssaga (Thule 8, 175 ff.). Er ist
der reiche Knauserer, eine rechte Verkörperung des Havamalspruches: Dem
Blöden aber / Bangt vor jedwedem, / Den Geizhals die Gabe reut. Der
VerstoB wider die friedliche Haupttugend, die GroBziigigkeit gegen Schutz-
suchende, ist aber bei Atli ganz in die Euft der kiinstlerischen Betrachtung,
der spielenden Schalkhaftigkeit, gehoben. Auch fiir versöhnlichen SchluB
hat der Erzáhler gesorgt; der Alte láBt sich zur Einsicht und Pflicht be-
kehren. Gegeniiber dem Darsteiler des Björn greift unser Sagamann ganz
anders in die Mittel werktáglicher Komik hinein. Sein Atli ist ein kiimmer-
liches Mánnchen mit Glatze und tiefliegenden Augen, schlecht auf den
Beinen und in schábigem Kittel. Sein Abgott, die Vorratskammer mit
ihrem Dörrfisch, Káse und anderen Herrlichkeiten; dann wie er sich unterm
Heuschober verkriecht, steif vor Kálte herauskommt und endlich unter
der Bettdecke neben seinem gutmiitigen Weibe erwármt: darin liegt etwas
von niederlándischemKleinleben; saftige geschauteZiige, nicht ohne schwank-
hafte Úbertreibung. Die Sagawelt hat sonst fiir diese Seiten keinen Raum.
Bei beiden aber, bei Atli wie bei Björn, hat das Ergötzliche die Farbe des
echten Humors: der Darsteller nimmt das im Eeben gering Geachtete wich-
tig; es erregt in ihm weder Galle noch Hohn noch vornelime Ablehnuug,
vielmehr mitfiihlendes Behagen.
5. Die Atliszenen der Flavardgeschichte lassen ahnen, was fiir Möglich-
keiten der islándischen Bauernsaga noch offen standen, hátte sie diese Rich-
tung in die báuerlich-werktágliche Wirklichkeitskunst weiter verfolgt. In
gröBerem MaBstabe, wenn auch auf andere Art, macht die Novelle vom
Schlaufuchs Ofeig, die Bandamannasaga, den Eindruck: hier betritt der
Sagamann einen neuen Pfad; einen Pfad, worauf das Schicksal dem altislán-
dischen Schrifttum keine Nachfolge bescherte. Es ist die einzige Familien-
geschichte, die das Komische nicht bloB als Nebenwerk, sondern als Grund-
zug der Haupthandlung zeigt. Das groBe Mittelstiick, die zwei Dinghándel,
sind geradezu ein Eustspiel zu nennen; das wird um so fiihlbarer, als die
58