Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Qupperneq 19
Raum. Das ist ein besonders wichtiger Unterschied zu der neueren rea-
listischen Erzahlkunst, mit der die Saga sonst so manche Úbereinstimmung
aufweist.
Zweifellos ist die Saga eine Wirklichkeitskunst. „Der Eindruck des
Phantastischen", sagt Neckel mit Recht, „kommt niemals auf". Auch
die Wiedergánger sind vom Standpunkt des Erzáhlers wirkliche Wesen,
und wenn etwa die Spukszenen in der Eyrbyggjasaga fiir uns etwas Phan-
tastisch-Romantisches haben, so legen wir etwas in sie hinein, was ihnen
an sich nicht zukommt. Aber die Wirklichkeilswelt der Saga ist nicht die
Sinnenwelt. So wenig sie sicli an die Phantasie des Desers (Hörers) wendet,
so wenig will sie seine Sinne bescháftigen. Die Welt der Saga ist, so merk-
"Wiirdig das klingt, ohne Farben und ohne Töne1. Man lese eine der vielen
Kanipfschilderungen der Sagas (etwa Thule 3, 129); diese Gefechte sind
Voll wirbelnder Bewegung, aber sie gehen lautlos vor sicli; man hört weder
Klirren noch Krachen (in der Skaldenstrophen ist davonsehrwohldieRede),
aber man sieht auch weder das Gras oder die Khngen sich röten noch die
Gesichter der Sterbenden erbleichen (wie Nibel. Died 939). Es gibt in der
Saga keinen blauen Himmel, keine grunen Felder uud wohl harten, aber
keinen weiGen Schnee; die einzige Stelle in der Njalssaga, wo Gunnar von
den gelben Áckern spricht, ist ohne Gegensttick in der ganzen Sagaliteratur;
aber auch sie steht, wohlgemerkt, in einem gefuhlsdurchtránkten Aus-
spruch, nicht als sachliche Angabe. Anders, aber doch áhnlich verhált
es sich mit der bekannten Stelle in der Hiihnerthorirsaga, wo Örn Blund-
ketil fragt: „Bist du verwundet, Bauer, daJ3 du so rot bist wie Blut?" Hier
ist — wie auch sonst oft — die Angabe der Farbe nur ein indirektes Mittel
zur Kundmackung eines seelischen Vorgangs.
Damit kommen wir zum Positiven. Die Wirklichkeitswelt der Saga ist
seelischer Art. Nicht nur das Gegenstándliche bleibt auBerhalb ihres Dar-
stellungsbereichs, auch die áuBeren Vorgánge und Geschehnisse sind als
Solche nicht wesentlich fur sie, bilden niemals die eigentliche Handlung,
auch wenn sie an sich interessant und spannend sind, was jedoch selten
der Fall ist. Die Sagas eignen sich noch weniger zum Verfilmén wie der
Úibelungenstoff (womit nicht gesagt ist, da!3 sie vor diesem Schicksal be-
'vahrt bleiben werden). Die Saga will nicht die Welt in ihrer Totalitát,
^as Innen und Aufien widerspiegeln, wie Homer oder der moderne Wirk-
kchkeitsroman, sie ist einseitig auf das Innen gerichtet. Worauf es ihr
aUein ankommt, sind die seelischen Vorgánge. Ihr eigentlicher, ja einziger
Das hier Gesagte gilt nicht ohne Einschránkung fiir die Sturlungasaga, deren Erzahl-
stil sich aber uberhaupt von dem der Islándersagas in wesentlichen Punkten unter-
Scheidet.
0*
65