Mitteilungen der Islandfreunde - 01.04.1930, Síða 23
denkendes und fiihlendes, sondern als handelndes Wesen. Ihre Psychologie
ist, wenn man so sagen will, voluntaristisch. Das Wesen des Sagamen-
schen ist Wille. Und dieser Wille ist autonom. Wir finden in der Saga
dieselbe „Verherrlichung der Willensautonomie, die die Abhángigkeit des
Geistes von der Körperspháre nicht anerkennt" wie in den Heldenliedern
der Edda oder in der Omamentik des Osebergschiffs (van Scheltema,
Der Osebergfund, S. 40). Alles Geschehen gehorcht den Gesetzen, die
in der Brust der Menschen geschrieben sind. Die Saga weiB nichts von
aufieren Einfltissen und Bedingtheiten, weil sie eine áufiere Wirklichkeit,
das will sagen eine wirkende AuBenwelt nicht kennt. Fiir sie steht der
Mensch nicht in ráumlich — sinnlichen, sondern in zeitlich — geistigen
Zusammenhángen. Die Umwelt ist nur in Beziehung auf das Verhalten
der in ihr auftretenden Personen da. Sie ist nur Schauplatz. Es wird von
ihr immer nur so viel beleuchtet, als der einzelne Mensch braucht, um fiir
sein Tun und Handeln im Augenblick Raum zu haben. Es gibt fiir den
Sagamann keine Welt auBer der, die von menschlichem Geschehen erfiillt
ist; sie ist fiir ihn durchaus nur „veröld“ d. h. Ze.it raum der Menschen.
VII. HELLAS UND ISLAND
Von P. Erichsen
or mir auf dem Schreibtisch stehen Eukalyptuszweige. Die Knospen
V fangen gerade an aufzubrechen und duften betáubend. Eine Welt
Von Erinnerungen lebt auf. Zum ersten Male sah ich Eukalyptusbáume
mit BewuBtsein auf der Insel Santorin, dem alten Thera. Ein jubelndes
Entziicken lodert in mir, wenn ich daran denke, wie ich diese Báume sah.
Was fiir eine unwirkliche, traumhafte Welt diese Insel Thera! Keine
Ehantasie ist wohl so kiihn, daB sie sich diese Farben vorstellen kann,
diese warmen Rotschattierungen der Felsen mit den hellen Mergelbándern
dazwischen. Dazu das tiefblaue, merkwiirdig metallisch glánzende Wasser
^rnd hoch oben auf diesen steilen roten Felsen weiBe Háuser, ganz weiBe,
V'ie eine Krone. So könnte man sich ein himmlisches Jerusalem denken.
>.Du hochgebaute Stadt". Die Augen jauchzten Dankhymnen, daB sie
sich satt trinken durften an all dieser Schönheit. Das war Márchen,
Dnwirklichkeit, Traum, das war Mittelmeerromantik, ja das war Orient.
Meine Eukalyptusbáume schwankten neben einer weiBen griechischen
Kathedrale mit goldenen Kuppeln. In ihrem Schatten stand die schwarze
Gestalt eines Priesters. Die Glocken des offenen Glockenturms tönten
ieis. Kinder spielten im gelben Sand drum rum. Levkojen bliihten.
Deuchtend funkelte vom Wegrand driiben der betörend duftende Ginster.
war Thera an einem windigen Friihlingstag. Man hatte den Eindruck
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